Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 12.1888

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bildenden Kunst ihre Existenz nur im Rahmen des Mythos gefristet
haben, sie sind zu eigenem Leben erwacht, mit dem sie es nun
als wackere Leute so ernst als möglich nehmen. Einen trefflicheren
Ausdruck als den lucianischen Aüioßopeac; kann man sich gar nicht
denken. Nur schade, dass er ihn und die Tritonen so kurz erwähnt,
dass wir den grandiosen Humor in diesen Figuren blos ahnen und
nicht nachempfinden können. So müssen wir uns denn begnügen,
aus dieser Erwähnung zu lernen, dass Zeuxis das Leben und
Treiben der Ungestalten des Himmels, der Erde und des Meeres
mit gleicher Liebe geschildert hat. Den besten Beweis dafür, dass
Lucian hier dank seinem in der antiken Kunstschriftstellerei niemals
übertroffenen Verständniss den Kern der künstlerischen Persönlich-
keit mit sicherer Hand erfasst hat, bietet uns Aristoteles, der den
Zeuxis als Paradigma für das iriGavöv dbuvaxov hinstellt. Und
kunstgeschichtlich wird uns seine Art als die nothwendige Con-
sequenz der That seines Vorgängers, des Entdeckers der Illusion,
voll begreiflich.

Auf Grund des lucianischen Gemäldes hat man längst zwei
weitere Bilder, die das Familienleben der Kentauren schildern, mit
Zeuxis in Verbindung gebracht, die Kentaurinnen mit ihren Jungen
bei Philostratos II, 3 und das Berliner Mosaik Mon. IV, 50. Der
Einfluss unseres Meisters kann hier füglich nicht bestritten, sondern
nur auf seine Stärke geprüft werden. Ich bekenne, in beiden
Fällen die stricteste Abhängigkeit für das Wahrscheinlichste zu
halten. Es sind Variationen, die das pastorale wie das heroische
Motiv des angeschlagenen Themas voll und ganz zum Ausklange
bringen.

Der trübe Rest von Bildererwähnungen kann nur dann für
den Endzweck, unser reales Wissen von Zeuxis zu erweitern,
brauchbar gemacht werden, wenn es uns gelingt, mit Hilfe der paar
überlieferten Namen in unserem Monumentenvorrath oder in den
überkommenen Bilderbeschreibungen weitere Spuren seines Wirkens
zu entdecken. Diesen Weg hat bereits Heinrich Brunn der For-
schung gewiesen und es geziemt mir, als priacipiellem Gegner,
dieses um so nachdrücklicher zu betonen. Von den vier philostra-
teischen Gemälden, die er zur Belebung dieser Schemen herbei-
zieht, Pan, Marsyas, Herakles Schlangenwürger und Penelope, scheint
mir freilich nur das Erstgenannte (II, 11) eine innere Gewähr dafür
zu bieten, dass es mit unserem Meister im Zusammenhange steht.
Die Auffassung des Stoffes erinnert hier direct an das Kentauren-
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