Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

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indem er es mit beiden Händen gefaßt hält. Der Schleifer wendet
seinen Kopf nach Marsyas um; seine Kleidung besteht aus phry-
gischer Mütze, gegürtetem Ärmelchiton und Hosen; Chlamys
und Schuhe, die wir sonst zuweilen finden, fehlen hier. Ein
grausames Lächeln ist auf dem Antlitze des Schleifers deutlich
erkennbar und erinnert an das creoripoxa der philostratischen Be-
schreibung, während von der hilaritas divina des Gottes (cf. Matz
de Philostratorum fide S. 77) auch auf dem übrigens sorgfältig
ausgearbeiteten Gesichte unseres Apollon nichts zu finden ist.
Zur Eechten steht Marsyas ziemlich bequem vor dem Baume,
nur seine Hände sind emporgereckt und kreuzweise übereinander-
gebunden an dem gut charakterisierten Baume festgeknüpft.
Schmerzlich hat der Besiegte seinen Kopf gesenkt und blickt
mit gut zum Ausdruck gekommener Wehmut auf. Die vollen
Muskeln sind mit Sorgfalt gearbeitet; beachtenswert ist die An-
deutung der Schamhaare. Das Relief gehört in Bezug auf seine
Ausführung zu den besten, die auf pannonischem Boden gefunden
sind. Von dem bei Kubinyi beschriebenen Farbenschmuck ist
nur das Roth des Reliefgrundes deutlich erhalten.

An letzter Stelle dieser Abteilung mögen drei Reliefplatten
Erwähnung finden, die früher mit einer jedesfalls nicht zuge-
hörigen vierten Platte zu einem Sarkophage vereinigt waren,
während sie nach Herrn Prof. Hampels sehr wahrscheinlicher
Vermutung trotz der ungefähr übereinstimmenden Maße nicht
ursprünglich zusammengehören und neuerdings auch von einander
getrennt worden sind. Die Reliefs sind von Waitzen ins Museum
gekommen, stammen aber, wie Herr Hampel mir mitzuteilen die
Güte hat, wahrscheinlich aus Aquincum? von wo sie zur Zeit des
Bischofs Migazzi nach Waitzen gebracht wurden. Das Material
aller drei Platten ist Kalkstein.

Die vordere Langseite (Fig. 11; Länge 195, Höhe ca. 100,
Dicke 17 cm) stellt die Überraschung der Rhea Silvia durch
Mars dar.10) Zur Rechten liegt unter einem Baume, dessen stili-
sirtes Laubwerk fast zwei Rosettenornamenten gleich ist, die
Jungfrau mit bis unter die Scham entblößtem Oberkörper, den
rechten Arm mit überhängendem Gewände über das Haupt gelegt,
indes der linke Arm den Körper in mäßiger Höhe gestützt hält.

10) Eine flüchtige Abbildung derselben ist, worauf Herr Hampel mich
aufmerksam machte, dem 1. Bande von Kubinyi-Vahots Ungarn und Sieben-
bürgen in Bildern zu S. 86 beigegeben. Die erwähnte vierte Platte enthält
in guter Ausführung das bekannte Topfrankenornament.
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