Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

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Motiv der Handlung entgegen; die allein völlig abweichende Be-
handlung der Scene im esquilinischen Bildercyelus kann nur dazu
dienen, uns die übrigen Bildwerke um so mehr als Vertreter eines
und desselben Darstellungstypus erscheinen zu lassen; der nur
mannigfache Erweiterungen und Modifikationen im Einzelnen er-
fahren hat.13)

Unser Relief vertritt den einfachsten Typus der Uberraschungs-
scene und zeigt weder die durch die mythologische Tradition eher
ausgeschlossenen, als bedingten, allegorisierenden Zuthaten der
beiden Reliefs Mattei, noch die aus Motiven der Tradition für
die bildliche Darstellung herausentwickelten Nebenfiguren, wie
Localgötter, Hypnos und Eros. Wir beschränken uns daher auf
eine Betrachtung der auch durch unser Bildwerk vertretenen
Darstellungselemente.

Um die Localbezeichnung voranzustellen, so erlaubt die
stilisierte Behandlung des Baumes, unter welchem Rhea Silvia
ruht, eine nähere Bestimmung desselben ebensowenig, wie dieselbe
z. B. für den Baum auf dem analogen Streifen der Ära Casali
(cf. Wieseler Ära Casali S. 39. 44. 60 f.) möglich ist. Von einem
Felsen, wie ihn der lateranische Sarkophag Benndorf-Schöne Nr. 47 u)
und das Bild der sogen. Titusthermen DAK II 253 a deutlich
zeigen, ist auf unserem Relief nichts zu finden, das durch eine
bei Provinzialsculpturen häufige kunstlose Einfachheit der Dar-
stellung einen strengeren Reliefcharakter zu gewinnen scheint.

Was die Figur der schlafenden Rhea Silvia betrifft, so ist
öfters bemerkt und von Heibig (Untersuchungen über die cam-
panische Wandmalerei, cap. I) in den Zusammenhang wichtiger
Beobachtungen gestellt worden, dass die Figur der bekannten
Composition der schlafenden Ariadne nachgebildet ist. Es ist
unter typengeschichtlichem Gesichtspunkte interessant zu sehen,
wie die verschiedenen Rhea Silviabilder ganz dieselben Modifi-
cationen zeigen, denen wir auf den Ariadnemonumenten in der
namentlich von Stark verfolgten Weise begegnen. Die an die
Darstellung des Hermaphroditen und der ruhenden Bakchantin
erinnernde Rückenansicht mit uns zugewandtem Antlitz begegnet

13) cf. Brizio Pitture e sepolcri scoperti sull' Esquilino Taf. 20. Robert
Monum. dell' Inst. X tav. 60. Ann. 1878, 235 ff., zu unsrem Bilde S. 273; viel-
leicht ist auch für diese Darstellung der Überraschung beim Gange zum
Wasserholen ein griechisches Vorbild benutzt.

14) Zu den zwei Figuren, die dort auf dem Felsen zur Linken oberhalb
des Flussgottes erscheinen, vgl. neuerdings R. Peter bei Roscher Myth. Lex. I
2293 f., der sich mit Recht der Deutung auf Localgottheiten anschließt.
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