Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

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uns bei der Rhea Silvia des Bonner Gefäßes und ist für Ariadne
bekanntlich ebenfalls bezeugt. Unsere Rhea Silvia entspricht der
Classe von Ariadnebildern, die den Oberkörper in voller Ent-
blößung sich auf dem Grunde des Gewandes mit berechneter,
nur nicht hinlänglich motivierter Wirkung abheben lassen. Dem
Charakter der Rhea Silvia als Vestalin ist auf keinem der Bild-
werke unseres Typus der Uberraschungsscene Rechnung getragen,
und nichts kann die Äußerlichkeit der hier vorliegenden Typen-
übertragung besser bezeichnen, als der von Wieseler Ära Casali
S. 43 richtig hervorgehobene Umstand, dass auf dem obersten
Streifen der Ära Casali die Jungfrau durch nichts als Vestalin
charakterisiert ist, auf dem zweiten dagegen deutlich als solche
erscheint; dabei kann von irgend welcher tieferliegenden Absicht
des Künstlers nicht die Rede sein; derselbe nahm eben zuerst
einfach den Typus der Ariadne herüber und hat sich diese Be-
quemlichkeit auch nicht durch eine von der Sage so dringend
geforderte Modifikation verkümmern wollen; den zweiten Streifen
musste er selbst componieren, und bekanntlich hat Heibig schon
betont, wie sehr diese römische Originalcomposition an künst-
lerischem Werte hinter der Nachbildung griechischer Vorbilder
zurücksteht. So bringt uns eine genauere Betrachtung der Figur
der Rhea Silvia zum Bewußtsein, dass der Silviamythos mit die
späteste Sage ist, für welche die jetzt schon erlahmte Erfindungs-
kraft der antiken Kunst eine Darstellungsform fand. Soweit es gieng,
benutzte man griechische Vorbilder, wie man es früher für die Dar-
stellung des Nerioraubes und anderer römischer Sagen gethan|hatte.

Fig. 12. Mg. 13.

Eine Ariadnedarstellung besitzt das Pester Museum in den
Fragmenten eines großen Marmorgefäßes, dessen äußere Bauch-
rundung in ihrem unteren Theile mit Guirlanden haltenden Eroten
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