Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

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führen uns jedoch mit ihren, leider arg bestoßenen bildlichen Dar-
stellungen in andere Sagenkreise. Wir beginnen mit der ehemals
rechten Schmalseite (Fig. 18).

Zur Rechten steht vor der Facade eines nur theilweise sicht-
baren Gebäudes ein Jüngling, bekleidet mit Chlamys und ein
Lagobolon in der linken Hand haltend; die Rechte streckt er
einer Frauengestalt entgegen, die mit entblößtem Oberkörper vor
ihm steht, indem sie mit der Rechten einen rundlichen Gegenstand
emporhält; von diesem kugelrunden Gegenstand aus zieht sich,
wie man längst richtig beobachtete und ich bei guter Beleuchtung
jeweilig bestätigt fand, ein Faden über den Leib der Jungfrau
nach ihrem ausgestreckten linken Arme, dessen Motiv ebenso wie
das des ihm begegnenden Armes des Jünglings wegen der schlechten

Fig. 18.

Erhaltung des Steines leider nicht mehr erkennbar ist. Dagegen
ist die Deutung des Ganzen durch jenen Faden gesichert: wir
haben Ariadne zu erkennen, die dem von ihr geliebten Theseus
vor dem Eingange des Labyrinthes den Knäuel übergibt, der ihn
nach Erlegung des Minotauros wieder den Weg ins Freie finden
lassen soll. Jahn in seiner bekannten Zusammenstellung der
Ariadnedenkmäler18) konnte für die Scene der Ubergabe des Knäuels
nur zwei sichere Denkmäler anführen, die beide dem Kreise der
Malerei angehören: einmal das eine Seitenfeld des Salzburger
Theseusmosaiks, sodann ein pompejanisches Gemälde, Zahn II 33 -
Heibig no. 1211.

18) Jahn, Archäologische Beiträge S. 251—299; unsere Scene speciell
S. 255 ff. Das Salzburger Mosaik am besten bei Arneth, Archäologische
Analecten Taf. 5.
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