Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

Seite: 66
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1890/0076
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
66

der Hände kaum entsprechend. Diesem Manne zugewandt steht
in Profilansicht nach rechts eine Frauengestalt, die ihr bis zu den
Oberschenkeln herabgeglittenes Gewand mit beiden Händen vor
dem entblößten Oberkörper zusammenhält. Dass es schamvolle
Zurückhaltung ist, was sie erfüllt, wird bestätigt durch die Figur
eines Eroten, der auf einem Altare hinter der Frauengestalt stehend,
dieselbe nach dem bekannten Motiv mit beiden Händen dem Manne
entgegendrängt. Was die Deutung der betrachteten Figuren be-
trifft, so scheint mir am annehmbarsten, ausgehend von dem be-
sprochenen Motiv der Hände des Mannes, an Menelaos zu denken,
der neu gewonnen von den Reizen der Helena seine Strafgedanken
aufgibt, das Schwertin die Scheide gestoßen hat und es im nächsten
Augenblicke zu Boden fallen lassen wird, um die noch ängstlich
zagende Helena zu umfassen. Eine letzte Sicherheit ist für diese
Deutung wohl nicht zu beanspruchen, zumal das Motiv mädchen-
hafter Scheu nicht besonders zu der von bloßer Furcht bewegten
treulosen Gattin passen will und eine vollkommen analoge Dar-
stellung mir nicht bekannt ist: aber der Altar und die Ttentität
der Situation erlaubt nicht an anderes zu denken.

Fig. 20.

Von den Einzelreliefs fassen wir zunächst das Fig. 20 ab-
gebildete Bildwerk ins Auge. Fundort Altofen; Kalkstein. Höhe
135, Länge 160 cm. Von links heranstürmend hat der völlig
nackte Theseus den in die Knie gesunkenen Minotauros mit der
linken Hand über dem Nacken (!) gefasst und ihm zugleich den
linken Fuß auf das rechte Bein gesetzt, indes er mit der in der
Rechten hoch geschwungenen, jedoch nur teilweise sichtbaren
Keule zum tödtlichen Schlage ausholt. Hülflos, wie bittend (?)
loading ...