Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

Seite: 67
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streckt das stierköpfige Ungeheuer seine rechte Hand dem sieg-
reichen Helden entgegen, während die Linke an das Stierhaupt
greift. Zur Rechten ist die Figur eines Jünglings sichtbar, der
sein linkes Bein, worauf der rechte Arm gelegt ist, auf einen
niedrigen Felsblock gesetzt hat, indes in der durch nichts sicht-
bar gestützten linken Hand das Haupt ruht. Die Ausführung
der Figuren ist eine ziemlich rohe, die Grestalt des vorstürmenden
Theseus erscheint in eigentümlicher Weise verbogen und sowohl
bei seiner den Minotauros fassenden Linken, als bei dem das
Haupt stützenden Arme des stehenden Jünglings scheint die Vor-
lage ungeschickt wiedergegeben zu sein.

Soweit es sich um die beiden Hauptfiguren handelt, ist uns
diese Vorlage oder wenigstens eine ihr sehr ähnliche bereits aus
zwei römischen Bildwerken, die den Minotauroskampf darstellen,
bekannt. Das Mittelfeld des schon oben einmal erwähnten Salz-
burger Theseusmosaiks, sowie das eine Reliefbild eines Kölner
Sarkophages mit Herakles- und Theseusthaten sind unserem
Ofener Relief soweit analog, als wir es bei Parallelmonumenten
römischer Kunstübung im Allgemeinen zu finden gewohnt sind19).
In der knieenden Stellung des Minotauros stimmt das Ofener
Relief mit dem Salzburger Mosaikbilde überein, während der
Minotauros des Kölner Sarkophages noch nicht völlig in die Kniee
gesunken ist. In der vorstürmenden Haltung des Theseus steht
unser Bildwerk dem Kölner Theseus näher. Dagegen gehen in
der Bekleidung des Helden mit flatternder Chlamys die beiden
von früher her bekannten Bildwerke zusammen.

Eigentümlich indessen ist unserem Relief die ruhig dabei-
stehende Figur des zuschauenden Jünglings; an eine Localgott-
heit ist nicht zu denken; will man der Gestalt einen Namen
geben, so wird, soweit ich sehe, nur einer der mit Theseus als
Tribut gekommenen athenischen Jünglinge zu erkennen sein.

19) Das Salzburger Mosaik s. bei Arneth Archäologische Analecten Taf.
5 cf. Jahn Arch. Beitr. S. .268. — Der Kölner Sarkophag ist publiciert von
Welcker Bonn. Jahrb. VII T. 3 S. 94 ff. — Im Übrigen vgl. zur Minotauros-
darstellung Conze, Theseus und Minotauros Berlin 1878. Walther Müller,
die Theseusmetopen am Theseion zu Athen in ihrem Verhältnisse zur Vasen-
malerei Göttingen 1888. M. Mayer Arch. Zeitung 1884 S. 271 ff. Der Tod
des Aigeus, dessen bildliche Darstellung ich mit Stark Sächs. Ber. 1860
S. 34 für den Bildercyclus bei Catull c. LXV in Anspruch nehmen möchte,
scheint auf erhaltenen Denkmälern noch nirgends nachgewiesen zu sein.
Nicht einleuchtend scheinen mir die bisher aufgestellten Deutungen des
Scenenbeiwerks auf dem Arch. Ztg. 1884 S. 273 publicierten Theseussarkophag.

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