Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

Seite: 68
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Analogien für diese Nebenfigur und die Art ihrer Zufügung sind
mir nur aus dem Kreise der Vasenbilder des Minotauroskampfes
bekannt20); und in der That altertümlich erscheint unsere Figur
gegenüber dem entsprechenden Figurenbeiwerk anderer Minotauros-
kampfdarstellungen aus römischer Epoche, wie der vier unter-
italischen Mosaikbilder, deren dem Kunstcharakter der Zeit ent-
sprechend lebhaft bewegte Zuschauergruppen von Jahn Arch.
Beitr. S. 270 gewiss mit Recht als Nachbildungen eines bedeutenden
Kunstwerkes betrachtet worden sind.

Als Schauplatz des Kampfes haben wir uns, auch ohne dass
derselbe näher bezeichnet ist, das Innere des Labyrinthes zu den-
ken — entsprechend der allgemeinen Tradition und der wohl
durchgängigen Auffassung der Bildwerke.21)

Leider sehr schlecht erhalten sind die beiden offenbar (in
der durch unsere Figur veranschaulichten Weise) aneinander an-
schließenden Stücke einer 25 cm dicken Marmorplatte, deren Vor-
derseite (Fig. 21 — 136 cm lang, 61 cm hoch) die Reliefdarstellung
enthält. Den Hintergrund der letzteren nimmt in der ganzen Länge
des Bildes eine Stadtmauer ein, deren architektonische Bestand-
theile und Gliederungen theilweise noch ziemlich deutlich sichtbar
sind. Vor dieser Mauer erscheint nach rechtshin gewandt ein Zwei-
gespann, das wir uns in Anbetracht der Erhebung des einen Vorder-
beines der Pferde bei ruhig gerader Stellung des anderen in
langsamer Bewegung zu denken haben. Auf dem Wagen steht,
im Panzer und mit dem Helme auf dem Haupt, Achilleus und
hält mit der Linken Zügel und Peitschenstab, indes die Rechte
hoch erhoben nach rückwärts einen leider nicht mehr erkennbaren
Gegenstand emporgehalten zu haben scheint; auch das Haupt
hat der Held nach rückwärts gewendet, vielleicht den gleich zu
betrachtenden Frauen entgegen. An der linken Hüfte ist der
Griff seines Schwertes sichtbar. Hektors entblößter Leichnam ist

20) Ein einzelner Begleiter des Theseus erscheint nur in anderem
Scenenzusammenhang auf dem A. Ztg. 1884 S. 273 publicierten Theseus-
sarkophag, eine einzelne Frau als Zuschauerin bei der Kampfscene auf einem
Berliner Reliefkrater, erwähnt bei Overbeck Heroengall. S. 51 f. cf. Conze
a. a. 0. S. 11 Anm. 8 c, soviel ich sehe, unediert.

21) Es beruhte auf einer völlig irrigen Auffassung des Figurenbeiwerkes
der Vasenbilder, wenn Roulez Annali 1858 S. 139 f. auf den Vasenbildern
die philochoreisch-rationalisierende Version des Minotauroskampfes erkennen
zu müssen glaubte. Die Sache ist deshalb von principieller Wichtigkeit, weil,
soweit ich sehe, Spuren rationalisierender Mythenbehandlung sich überhaupt
nur sehr vereinzelt in Kunstwerken späterer Zeit finden lassen.
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