Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

Seite: 88
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Die sullanische Aera
im proconsiilarischen Asien

Franz, der zuerst vermutet hat, dass der auf den griechischen
Inschriften der römischen Provinz Asien üblichen Jahrzählung die
sog. sullanische Aera zugrunde liege, hat den Beginn derselben
C. I. Gr. 3 1103 f. auf das Jahr 84 v. Ch. festgesetzt als auf die
Zeit der Beendigung des ersten mithridatischen Krieges und der
Neuordnung der Verhältnisse der kleinasiatischen Städte (vgl.
Cassiodor zum Jahre 84: L. Cinna IUI et Cn. Pajoirius II; Ms
coss. Asiam in XLIII1 regiones Sulla distribuit). Indes war der
Inhalt der in Frage stehenden Inschriften so verstümmelt erhalten
oder so dürftig, dass man sich von der Richtigkeit dieses An-
satzes nicht überzeugt glauben durfte. Vielmehr zog Waddington
ihn in Zweifel. Eine im Gebiete der Aizaniten gefundene Inschrift

(Lebas-Wadd. 3 n. 980) ist nämlich datiert IENA A ETOYIOTr,
d. h. Indictionsjahr 1 und Aerenjahr 593. Setze man nun 593
weniger 84 gleich 509 n. Chr., so gelange man in ein zweites,
nicht in ein erstes Indictionsjahr. Man müsse daher den Beginn
der sullanischen Aera um ein Jahr zurückstellen1). Cichorius
hingegen (Sitzungsb. d. Berk Akad. 1889 S. 365 ff.) unterstützte von
neuem die Franz'sche Gleichung. In einer bereits von Waddington
richtig ergänzten, von Cichorius neu verglichenen Inschrift feiert der

*) Waddingtons Ausführungen sind nicht ganz klar. Beginnt die Aera
85 v. Chr., so beginnt das Aerenjahr 593 im September 508; aber bereits am
31. August 508 (so Wadd.) endet ein Indictionsjahr 1, und somit .fällt das
Aerenjahr 593 in ein Indictionsjahr 2 und mit einigen Tagen sogar noch in
ein Indictionsjahr 3; „par consequent la premiere annee de l'ere de Sylla
a commence avant le 31 aoüt 85", wie Waddington sehr richtig bemerkt.
Dann muss man aber, wenn nicht die Jahranfänge in Zweifel gezogen werden
— und dies thut Waddington nicht —, sich entschließen, den Beginn der
Aera um noch ein Jahr, also gegenüber der von Franz angestellten Berech-
nung um zwei Jahre, auf Herbst 86/85 zurückzustellen. Auch das that Wad-
dington nicht entschieden, wohl weil er die den Caesar Domitian ehrende
Inschrift L.-W. 1069 aus dem Jahre .,153" nicht aus dem Auge verlor; bei
der Gleichung: Aerenjahr 1 = 86/85 v. Chr., wäre er mit dem Aerenjahr 153
in das Jahr n. Chr. 67/8 zu gehen gezwungen gewesen, das selbstverständlich
ausgeschlossen ist. Waddington hat diesen offenkundigen Widerspruch nir-
gends constatiert, und auch Cichorius hat ihn weder geltend gemacht noch
überhaupt erwähnt. — Dass mit der Franz'schen Gleichung: Aer. 1 = 84/83
v. Chr. das etog q>qy in L.-W. 980 noch weiter von Ind. 1, nämlich in Ind. 3/4
führt, brauche ich nicht weiter zu betonen.
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