Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

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Achills Auszug aus Skyros

(Mon. in. d. inst. XI 33. Vorlegeblätter Serie D VIII 2.)

I.

Das Epos, soweit es uns unmittelbar vorliegt, lässt Achill vom
Vaterhause ausziehen und behandelt seinen Aufenthalt auf Skyros als
Liebesabenteuer aus Anlass eines Eroberungszuges oder einer unfrei-
willigen Landung. Man pflegt diese Version schlechthin als die ältere
und mythisch organische anzusehen, die Sage von Skyros hingegen als
verhältnismässig spät gestaltet, lediglich um dem in der alten Sage
überlieferten Verweilen Achills daselbst grösseres Ansehen zu geben.

Ich glaube nicht, dass hiermit der springende Punkt der Ent-
stehungsfrage betreffs der Sage von Skyros aufgedeckt ist, sondern
dass man vielmehr den vollen Nachdruck auf die Nachklänge historischer
Ereignisse in dieser Sage und auf die Unterscheidung zwischen Ent-
stehung und Bekanntwerden der Sage legen muss.1)

Die richtige Einsicht hat auch in dieser Frage Welcker begründet
und die vorauszusehenden Einwände, welche von seiner Zeit bis heute
immer wieder auftauchen, zurückgewiesen. Ziehen wir nur einige
schärfere Consequenzen aus Welckers schönen Darlegungen im Epischen
Cyclus und in den Griechischen Tragoedien, so erhalten wir alles Wesent-
liche, das sich in dieser Sache noch ermitteln lassen dürfte.

Aus dem alten Epos besitzen wir drei massgebende Stellen über
die Beziehung Achills selbst zu Skyros (von den Erwähnungen des
auf Skyros aufwachsenden Sohnes abgesehen): Horn. II. IX 668 ÜKÖpov
e\uuv anreiav 'Gvurioc TrxoXieOpov. Hier ist an einen der Raubzüge
Achills gedacht; Deidameia erwähnt Homer nirgend. — Kypria, Prokl.
Chrest. p. 99 Michaelis 'aTTOirXeoucri öe coitoic £k tx\c Mutfiac x^wv
tTTiiriTTTEi, Kai öiaaKeöavvuvTai. ÄxiXXtoc öe Xiaipuj Trpoccrxwv Yauei xrjv

*) Von Beziehungen dieser Sage zu historischen Ereignissen spreche ich in
der vollen Überzeugung, dass Achills Gestalt überhaupt mit Natursymbolik nichts
geraein hat, am wenigsten mit einem Stromgott, sondern dass sie wenn irgend eine
gerade zu den unmittelbar menschlichen der griechischen Sage gehört. Ich kann
in Achill nur den Heros von Volksstämmen sehen, deren Artung und Phantasie auch
von ihrer natürlichen Umgebung, der Meeresküste, den mächtigen Flussläufen, be-
einflusst war. Was diese Stämme in Poesie und Praxis ihres Daseins dieser Um-
gebung zu danken hatten, das verdankte ihr auch in seinem Verhältnisse zu ihr, in
der Verknüpfung von Abstammung und Dasein mit den heimischen Götter- und
Märchengestalten, Achill, wie er in voller Individualität seiner Stammesheimat in
die gemeingriechische Harmonie der Sage übergegangen. Von jener, allen Anlass
des thätigen Auftretens bestimmenden Durchdringung der Gestalt mit einer natur-
symbolischen Idee, wie wir es bei derartigen Geschöpfen der griechischen Phantasie
gewohnt sind, kann ich bei Achill keine Spur finden.

Archäologisch-epigraphische Mittheil. XIII 11
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