Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 13.1890

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auf dem Gipfel der Heldenlaufbahn. Dahingestellt muss es bleiben,
ob man für das Innenbild Brunns schöner Deutung zustimmen darf,
die ich gerade hier nicht abweisen möchte, mag dies Bild auch andern-
orts anderes bedeuten. Eine sichere Compositionsparallele bietet die
weit ältere Berliner Schale des Oltos und Euxitheos. Auch hier
einerseits Achills Auszug, nach der früher verbreiteten Version aus
Phthia, andererseits der Kampf um Patroklos Leiche, also zwei ent-
scheidende Haltepunkte in Achills Leben. Unser Künstler wählte eine
Achills Persönlichkeit eindringlicher hervorhebende Gegenüberstellung.
Gemäss der neu aufgetauchten Sage geschieht hier der Auszug von
Skyros aus. Achill, in zarter und kräftiger Jugend trefflich dargestellt,
von Odysseus gewonnen, zieht aus dem Hause des Königs Lykomedes,
der ihn erzürnt entlässt. Lykomedes Töchter sind von dem unerwarteten
Geschehnisse schmerzlich betroffen, vor allem aber Deidameia. Offen-
bar lag dem Künstler auch die vorangegangene Entdeckung Achills
bei seiner Composition im Sinne; daher die eigenthümliche Mischung
von Staunen, Schreck, Unwille, Zorn und Schmerz im Ausdruck der
Betheiligten, so dass wir nicht blos an die Trennung, sondern an den
im Vorangegangenen begründeten Complex von Empfindungen und
Conflicten denken. So ist hier versucht, den neuen Vorwurf gerade
unter der traditionellen Typik der Auszugsscene darzustellen, blieb
ja doch noch im Sinne dieser Zeit das erreichte Theilnehmen Achills
am troisehen Kriege der wichtigste Punkt der Fabel.

Was von dem Inhalt unserer Darstellung noch der Localsage
selbst angehört, was etwa schon die attische Kunst hinzugethan, das
schärfer abzugrenzen versagen unsere Mittel. Unser Künstler zeigt
noch ein wichtiges Motiv eingeführt, das die einzige exegetische
Schwierigkeit der Darstellung bildet. Artemis Erscheinen und Eingreifen
ist uns in dieser Fabel nicht weiter bekannt. Indessen, dass wir einem
einzelnen Zuge eines grösseren Inhalts nicht mit voller Sicherheit
gerecht werden können, begegnet oft, ohne dass es uns in streng metho-
discher Interpretation beirren dürfte. Artemis ist erzürnt, ihre Geberde
droht und verkündet Unheil. Ich glaube, es soll in dieser Gestalt dicht
hinter der Gruppe der Liebenden das eigentlich tragische Moment der
Situation zum Ausdruck kommen. Achill und Deidameia waren in
heimlichem Liebesverständnisse. Nun da Achill fortzieht, macht sich
diese Illegitimität mit voller Tragik geltend, sie trifft mit aller Heftig-
keit die Verlassene, Schuldige und ihr Haus, ruft aber auch für den
Ausziehenden einen tragischen Conflict hervor, den er nach dem Gebote
seiner Bestimmung löst. In diesem Sinne zürnt Artemis dem Paare.
Ich möchte hierbei am liebsten an die Gestalt der Artemis denken, wie
sie in dem für den Anfang des 5. Jhs. auch in Athen bezeugten Cult
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