Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 14.1891

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etwas Authentisches berichtet. Sie werden durch die Inschrift gestützt
und stützen ihrerseits die scharfsinnige Ergänzung Foucarts. Wenn
also Themistokles die verlassene Stadt dem Schutze der Athene ÄGnvüJV
ueöeoucra anvertraut hat — und das musste er thun, wenn er die Bürger
zum Verlassen ihrer Heimstätten bestimmen wollte — so entsteht nun-
mehr die Frage, ob er sie der Göttin im Erechtheion oder im „alten
Tempel" anvertraut habe.

Die Virtuosität des Themistokles in der Behandlung der Volks-
menge durch Benutzung ihres Aberglaubens hatte sich wiederholt ge-
zeigt. Seine Deutung des Orakels der Pythia, welches vorschrieb,
sich hinter hölzernen Mauern zu vertheidigen, auf die Trieren
war ein solcher erfolgreicher Schachzug. Nunmehr verkündigte die
Priesterin im Erechtheion, dass die Honigkuchen, welche der Schlange
in diesem Tempel dargebracht zu werden pflegten, nicht wie sonst ver-
schwunden wären, und wenn es auch nicht ausdrücklich überliefert
ist, werden wir annehmen dürfen, dass Themistokles derjenige war,
welcher entweder dieses Wunder auf irgend eine Weise bewerkstelligte,
oder wenigstens zu der Deutung benutzte, dass die Göttin selbst die Stadt
verlassen habe und daher die Bewohner ihr folgen müssten. Indem
er dieser Deutung Geltung verschaffte, stellte er zugleich die Stadt
unter den Schutz der über Athen waltenden Athene, Welcher Athene ?
Derjenigen, die soeben ihr Heiligthum verlassen hatte und nach allge-
meinem Glauben außer Landes war? Oder derjenigen, deren Heilig-
thum noch unversehrt war und die in demselben weilte? Ich denke, alles
spricht dafür, dass eben weil die Athene im Erechtheion geflohen war, die
Athene im „alten Tempel" ihre schützende Hand über die verlassene Stadt
breiten sollte, und dass dasjenige, was uns als das ipricpKTua des Themi-
stokles überliefert wird, im Wesentlichen eine Orakelauslegung war.
Wenn dem aber so ist, so heißt die Athene des alten Tempels die
über Athen waltende f\ tüjv AGnvüuv ueöeoucra und wird so genannt
zur Unterscheidung von der Polias im Erechtheion. Ein solches Kunst-
stück der Interpretation geltender Meinungen, wie einerseits die Flucht
der Göttin als Mahnung für die Flucht der Bürger zu benützen, an-
dererseits die vorhandene Göttin mit dem Schutz der Stadt zu betrauen,
ist kein neuer Zug im Bilde des Themistokles. Wenn aber die Athene
des „alten Tempels" zur Zeit des Themistokles ÄGnvä f) AGnvüuv
uebeoucxa geheißen hat, ist es dann noch eine Frage, welcher Tempel
in der eingangs citierten Inschrift gemeint ist?

Wien EMIL SZANTO
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