Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 14.1891

Seite: 165
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Vermuthungeh nicht festzustellen, doch spricht nichts dagegen, in
dem Sammelbecken gleicherweise ein Reservoir für Nutzwasser, wie
für Zwecke der Kampfspiele oder Schaustellungen in der Arena
zu erkennen.

Die weitere Bloslegung der Cavea hat in der südlichen Hälfte
des Amphitheaters auf eine größere Zahl Radialmauern geführt. Am
besten in dieser Beziehung ist das südwestliche Viertel des Gebäudes
zwischen dem als kaiserliche Loge angenommenen Theile und dem
westlichen Eingänge der Arena erhalten. Es sind hier noch acht
Radialmauern in bedeutender Höhe vorhandein sämmtlich, wie alles
Mauerwerk des Amphitheaters, aus Bruchsteinen ausgeführt. Die Ent-
fernung dieser Mauern von einander beträgt an der äußersten Diver-
genz circa 4 Meter, gegen die Arena zu 2*5 Meter. Es sind dies
Dimensionen, wie sie am Collosseum, an den Amphitheatern in Pola
und Nimes fast in ganz gleicher Weise zur Ausführung kamen. Auch
die Stärke der Mauern von circa 70 Centimeter wird bei den genann-
ten Gebäuden nicht beträchtlich übertroffen. Danach wäre es nicht
ausgeschlossen, dass auch in Carnuntum der Unterbau der Sitze aus
Gewölben von Radialmauer zu Radialmauer bestanden hätte, doch
könnte man mit gleicher Wahrscheinlichkeit nach den gegebenen
Dimensionen eine Verbindung der Radialmauern durch Balkenwerk
zur Aufnahme der Sitzreihen, die dann gleichfalls aus Holz gewesen
wären, annehmen. Da wir bei den Ausgrabungen weder Stufenstücke
noch Gewölbesteine fanden, die Mauern aber nicht bis zum Auflager
der verbindenden Gewölbe oder Balken erhalten sind, muss die Ent-
scheidung hierüber vorerst in Suspenso bleiben.1)

Alle oben erwähnten Mauern sind in der Mitte ihrer Längen-
ausdehnung geborsten. Die klaffenden Risse, die nach dem Aeußeren
des Gebäudes geringe Neigung zeigen, sind sichtlich in Folge einer
Setzung jener Theile der speichenförmigen Mauern entstanden, welche
dem Wesen der Anlage entsprechend höher aufgeführt waren als die
zunächst der Arena. Die Ursache der Berstung der Mauern kann
theils in schlechter Fundierung, theils und im Vereine mit dem eben
Gesagten in dem Umstände gesucht werden, dass die höher auf-
gehenden Mauern nicht blos an und für sich einen stärkeren Druck

*) Ich glaube, dass weder die auf pag1. 166—67 a. a. 0. besprochenen Stein-
bocke mit ihren Inschriften, wenn sie auch Sitzreihen angehörten, noch ein im
östlichen Eingange der Arena gefundener keilförmiger Gewölbstein einen Schluss
ziehen lassen auf die durchgehende Gestaltung des Aufbaues und der Sitzreihen des
ganzen Gebäudes; auch der sichere Nachweis eines Balkenbodens in der südlichen
Loge darf gewiss nicht zum Schlüsse führen, dass durchweg Holzconstructione'n die
Radialmauern verbanden und die Sitzreihen bildeten.
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