Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 15.1892

Seite: 129
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Firnis aufgetragen ist. Außer Gravierung ist ein stumpfes, theilweise
direct auf den Thongrund gesetztes Roth angewendet. Die Scherbe
gehörte, der starken Krümmung nach zu schließen, der untern Hälfte
einer kleinen Amphora oder eines Kruges an und bildete einen Theil
eines umlaufenden Thierfrieses. Von diesem ist fast vollständig nur
eine Figur erhalten, eine phantastische Mischgestalt, wie sie meines
Wissens bis jetzt noch nicht bekannt ist. Sie gleicht in dem Baue
des Körpers und des Kopfes, in dem kein Auge angegeben ist, sowie
mit der Mähne einem Pferde ; statt der Vorderbeine aber sehen wir
menschliche Arme und Hände, eine Absonderlichkeit, die jedoch
geschickt dadurch gemildert ist, dass das Thier mit diesen Gliedmaßen
nicht den Boden berührt, sondern sie im Rennen erhebt. Auch der
Schweif ist von dem eines Rosses verschieden und ähnelt, so weit er
erhalten ist, dem eines Löwen. Vor dieser Figur befindet sich der
Rest einer anderen, die als schreitende Sphinx zu ergänzen ist, hinter
ihr eine Art stilisierter Staude mit volutenförmigen Abzweigungen, die
in dem Thierfriese einen Abschnitt bildete. Unbestimmbar bleibt der
Fleck unter der Fabelgestalt; für das Schwanzende der Sphinx ist er
zu groß, für ein raumfüllendes Blatt sitzt er zu nahe der untern
Begrenzung. Oben und unten war der Thierstreifen von einem breiten
Bande ineinandergestellter Haken abgeschlossen.

Dass das Gefäß, von welchem die Scherbe herrührt, ein archaisches
war, steht außer allem Zweifel. Den Fabricationsort desselben wird
man am liebsten im griechischen Osten suchen. In der ionischen
Kunst ist ja die Vorliebe für phantastische Mischwesen am lebhafte-
sten. Neben der Wiederholung derjenigen, welche aus dem Orient ein-
gebürgert wurden, und der Ausbildung solcher, welche die Sage ge-
schaffen hatte, versuchte sich die Kunst auch an ganz selbständigen
Neuschöpfungen. Unter diesen ist die oben abgebildete Mischgestalt,
bei der die Vorstellung von den Kentauren vielleicht bestimmend war,
eine der bemerkenswertesten; war sie überhaupt mehr als ein spielender
Einfall, so brachte sie es doch nicht über ein ephemeres Dasein und
wurde als eine verunglückte Bildung bald aufgegeben. So wahr-
scheinlich der ionische Ursprung des Fragmentes ist, eine Zutheilung
desselben an eine bestimmte unter den bisher bekannten östlichen
Vasengattungen bleibt bei dem Mangel an hinreichenden Kriterien un-
möglich. In Material und Technik gleicht das Stück dem sicher
ionischen Demos im österr. Museum (vgl. meinen Katalog der antiken
Vasen und Terracotten im österr. Museum Nr. 215), bei dem auch in dem
Zikzakstreifen unter dem Silenenfriese wie in dem Bande mit den in-
cinandergestellten Haken an der Scherbe eine in den ionischen Gattungen
nicht seltene Erinnerung an das alte geometrische Ornamentations-

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