Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 15.1892

Seite: 136
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Museum kam. Es ist aus weißem Marmor, 0*40 m hoch, 053 ra breit,
0*30m dick; die untere Partie fehlt, das übrige ist aus zwei Fragmenten
zusammengesetzt worden.

Das Relief ist in üblicher Weise eingetieft innerhalb eines
stehengebliebenen Rahmens, von welchem drei Guirlanden herab-
hängen. Unter diesen stehen zwei Knaben in Vordersicht., beide mit
linkem Standbein, vorgesetztem Spielbein, mit kurzem, gelocktem
Haar, bekleidet mit einer nach hinten zurückfallenden Chlamys,
die auf der rechten Schulter zusammengeheftet ist und bloß einen
Theil der Brust bedeckt. Der links stehende, etwas größere Knabe
hält in beiden Händen einen langen cylindrischen Wulst, an dessen
einem Ende Bänder herabhängen. Der kleinere trägt in der Linken
einen Vogel, den er an die Brust drückt; mit der Rechten scheint
er einem zwischen beiden stehenden Thiere, von dem nur der auf-
schauende Kopf erhalten ist (Panther? als veoc; Aiovotfoc;), einen
undeutlich geformten Gegenstand (Traube ?) hinzuhalten, ähnlich wie in
einem Relief des Berliner Museums (Beschreibung der ant. Skulpturen
Nr. 786) und einem Relief des Louvre (Clarac II pl. 124, 115).
Die interessante Figur des Reliefs aber ist in ganz kleinem Maß-
stabe, etwa 0'08 hoch, oben zwischen den Schultern der Knaben in
flach eingetieften Umrissen angebracht: Hermes, in Vordersicht stehend,
mit rechtem Standbein und den Kopf wie es scheint nach links wendend,
im linken, gesenkten Arme das Kerykeion, das deutlich nach oben in
zwei Kreise ausgeht, den rechten Arm etwas erhoben und einen
ziemlich dicken Stab seitwärts streckend; über den linken Vorderarm
scheint die Chlamys herabzufallen.

So roh die Ausführung des Reliefs ist, trägt es doch inhaltlich
durchaus griechischen Charakter; denn griechisch ist die Nacktheit
der Verstorbenen, das Motiv mit Vogel, Traube (?) und Thier, die Idee
des im Hintergrund erscheinenden Hermes, und wohl auch die Form
des Kerykeion.

In der Literatur ist Hermes mit Stab und Kerykeion bisher
nicht nachgewiesen worden. In der einzigen Stelle, die man hieher
beziehen könnte, Apul. met. X 30 (Parisurteil): quem caduceum et
virgula Mercurium indicabant, fasst Koziol (Stil des Apuleius 2) den
Ausdruck caduceum et virga nach Analogie von mythogr. Vat I 2,
119 (p. 43 Mai): ,virga caducea' als Hendiadyoin auf. Doch hat
diese Erklärung wenig Wahrscheinlichkeit für sich; eher hielte ich
es für möglich, unter virgula den Zweig zu verstehen, den Hermes
einmal auch beim Wettkampf des Pelops mit Hippodameia (Monum.
IV 30), auf einem ctruskischen Spiegel (Gerhard IV 298) und öfters
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