Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 15.1892

Seite: 138
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vordere Langseite wird von der Inschrift: Oeoic; KaxaxOoveioic; einge-
nommen, die rückwärtige zeigt Charon in seinem Nachen. Auf der
einen Schmalseite ist Hades dargestellt, auf der anderen Hermes mit
Flügelhut und Chlamys, in der Hand des erhobenen rechten Armes
eine Schriftrolle (nach Wieseler) oder einen Geldbeutel (nach Dütschke)
haltend, in der gesenkten Linken ein Stäbchen.

Bloß mit dem Stabe, ohne ein anderes charakterisierendes Attribut,
aber durch den Sepulcralcharakter des Monumentes gesichert, kommt
Hermes vor auf einem

5. griechischen Relief in Aix (Aquae Sextiae) bei Miliin
voyage au midi de la France XXXVI 1 ; C. I. G. 6934. Über der
Inschrift: Znvuuvi xpticrrn, K^ ä\vne xepe £n,ö*ao~a ein. oy ist die trauernde
Psyche dargestellt, über ihr auf einem Felsen nach links sitzend ein
Jüngling in der Chlamys, mit einem Stab in der Rechten den er über
die Beine legt, indem er nach rechts umblickt. Vielleicht kommt
auch ein aus Smyrna stammendes

6. Relief des Berliner Museums in Frage. Verzeichnis der
Sculpturen 1885 Nr. 727 (M) [Beschreibung 1891 S. 272]: „Ein kahl-
köpfiger Mann in Chiton und Mantel steht nach rechts adorierend vor
einer bärtigen, nicht ithyphallischen Hüftenherme, die den rechten
Arm mit einem Stäbchen ausstreckt. Unten ein Hündchen, links ein
Palmbaum. Im Felde: ./ApTeuibujpou Aacpeiöa."

Der Stab, den in diesen Fällen Hermes als Todtengott trägt,
entspricht der homerischen Rhabdos, deren ursprüngliche Bedeutung sieh
mit ziemlicher Sicherheit feststellen lässt; Hermes schläfert mit ihr die
Mensehen ein und erweckt sie wieder, mit ihr treibt er die Seelen der
gemordeten Freier in die Unterwelt. Der Stab ist also Zauberstab,
nicht Botenstab oder Kerykeion, da ja Hermes ursprünglich nicht
Herold ist. In der Ilias wenigstens versieht den Heroldsdienst bei den
Göttern neben Athena meist Iris, einmal Thcmis (Y 4), einmal Ossa (B 93).
Auch in Q ist er nur Geleiter des Priamos; außerdem handelt es sich
hier um einen besonders schwierigen Auftrag, zu dessen Ausführung
die Zauberkraft d.er Rhabdos das meiste beiträgt. Erst in der Odyssee
wird Hermes zum Götterboten. Diese längst erkannte Entwicklung
wird durch einen anderen Umstand bestätigt. Die homerischen
Herolde führen wie die Könige, deren Aufträge sie vollführen, immer
das Skeptron, nie die Rhabdos, die sie erst infolge der Ausbildung
des Hermes zum Götterherold bekommen zu haben scheinen; anderer-
seits hat Hermes immer die Rhabdos, nur an einer einzigen schwierigen
Stelle der Ilias (B 100—108) vorübergehend ein Skeptron, aber da
doch wohl deutlich als Herrscher ('Epueiac; d'vaH).
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