Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 15.1892

Seite: 142
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verschlungenen Zweigen (Kerykeion) in zahlreichen Varietäten, woraus
sich im fünften Jahrhundert der Schlangenstab entwickelt (Sophokl. frg.
638 N.; monura. II. V 8; Gerhard A. V. II 148; Jahrbuch VI 1891
Taf. 1.

Die einfachste Form der Rhabdos (Stab) ist häufiger, als man
gewöhnlich annimmt; ohne Anspruch auf Vollständigkeit machen zu
können, zähle ich von schwarzfigurigen Vasen folgende Beispiele auf:
Berlin 1835 (zweimal), 1895 (einmal Zwiesel, einmal Stab); 1923;
1977: 2050 (zweimal). Petersburg Nr. 18. 25. 39. 328. Karlsruhe,
Nr. 160. Neapel Nr. 2466; S. A. 179; R. C. 214 (?). Gerhard A.
V. 73. 97. 110. 128. Gerhard etrusk. u. camp. Vasenb. Taf. 14, 1.
Lenormant - de Witte el. ceram. III 75. Inghirami vasi fittili II 161.
A. Schneider Prolegomena S. 21 Anra. 2. Bull, de corr. hell. II (1878)
541 Nr. 48. Von sonstigen Bildwerken kenne ich bloß das archa-
istische Relief der Villa Albani, Zoega bassiril. 100. Zu diesen sichern
Beispielen kommen dann noch andere wie Ephim. arch. 1885 mv. 3 (Pinax
des Skythes), wo Hermes den Stab, dessen unteres Ende verdeckt ist,
schultert; denn da mit verschwindend wenig Ausnahmen in der schwarz-
figurigen Malerei (wie meist noch in der rothfigurigen) der Stab so
gefasst wird, dass beim Schultern das obere, verzierte Ende in der
That oben wäre, ist hier, mit großer Wahrscheinlichkeit wenigstens
die einfache Form der Rhabdos vorauszusetzen.

Die Denkmäler, die uns Hermes mit dem Stab zeigen, gehören
zwar meist nicht gerade zu den ältesten; man könnte also annehmen,
die Zwieselform sei das ursprüngliche. Doch ist es wenig wahr-
scheinlich, dass dann dafür der einfache Stab hätte eintreten können;
auch aus der Flüchtigkeit der Vasenmaler wird man den Stab nicht
erklären dürfen, denn einige der angeführten Bilder sind ziemlich
sorgfältig gemalt. Der Stab ist also, wenn nicht älter, so doch
mindestens ebenso alt, wie die Zwieselform des Kerykeion, die nur
eine Abart darstellt. Es wäre demnach verfehlt, der Kerykeionform
einen Sinn unterzulegen, welcher der einfachen Rhabdos nicht zu-
kommt, was zuletzt wieder O. A. Hoffmann Hermes und das Kery-
keion und Goblet d'Alviella la migration des symboles 280 ff. ver-
sucht haben; vgl. Roscher, Berl. phil. Wochenschr. XI 1891 275 ff.
Der Stab mit Kreis und Halbkreis, der bei solchen symbolischen
Deutungen zugrunde gelegt wird, ist verhältnismäßig spät. Zum Uber-
fluss können wir auch sonst beobachten, wie sich der einfache Stab
zum „Kerykeion" ohne BedeutungsWechsel von selbst entwickelt. So
weist Robert (Preller-Robert griech. Mythol.4 I 412 Anm. 2) auf die
auffallende Ähnlichkeit mit Boten- und Schulzenstäben der Südslaven
fabgebildet in der Zeitschrift für Ethnologie 1886 S. 385) hin, die
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