Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 15.1892

Seite: 143
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gewiss nicht auf Tradition aus dem Alterthum beruht; denn dann
müsste die Form dieser Stäbe eine einheitliche sein und an die
spätere Form des Kerykeions anknüpfen, was beides nicht zutrifft. In
schlagender Weise entwickelt sich, gewiss ebenfalls unabhängig vom
Kerykeion, auf griechischem Boden, um die Wende des sechsten und
fünften Jahrhunderts zum zweitenmal eine dem Kerykeion ähnliche
Form aus dem Stabe; die Rhabdoi der attischen Paidotriben auf
einer schwarzfigurigen Amphora der Münchener Sammlung (Nr. 584,
abg. Gerhard A. V. III 177), auf einer bei Inghirami vasi fitt. I 90
abgebildeten schwarzfigurigen Hydria und auf dem Innenbild der
rothhgurigen Pariser Schale mit dem Lieblingsnamen des Kephisophon
(abg. Klein Lieblingsinschr. 56) entsprechen im Schema durchaus der
gebräuchlichen Form des alten zwieseiförmigen Kerykeions. Auch
scheint die verschlungene Zwieselruthe als Kerykeion ausnahmsweise,
wohl in Anlehnung an altes Herkommen, noch in später Zeit, als der
Schlangenstab allgemein üblich war, von den Griechen in der ursprüng-
lichen Art hergestellt worden zu sein, Dein, in Dem. 18: ixeTnpiav
(Blass uceTnpiac;) exoviec; Kai KnpuKeia auuTreTTXeYjueva, ibc; ecpacfav, £k tujv
OaXXujv.-)

Der Stab, welcher neben der Zwieselruthe als Kerykeion bis
gegen Ende des sechsten Jahrhunderts festgehalten wird, kommt in der
Zeit der rothfigurigenMalerei nicht mehr vor; wohl nur scheinbar bildet
eine Ausnahme hievon die im Compte rendu 1861 pl. 3 (danach W.
Vorlegebl. A II) veröffentlichte Darstellung des Paris Urteils spätestens
aus dem Anfang des vierten Jahrhunderts, es lässt sich aber fast mit
Bestimmtheit vermuthen, dass da der kurze Stab des Hermes auf
einer (unrichtigen) Ergänzung in der aus 73 Scherben zusammen-
gestellten Vase beruht; Stephani selbst spricht in seinem Katalog
Nr. 1807 von einem Kerykeion.

Zu Anfang des fünften Jahrhunderts, wo nur mehr die Zwiesel-
ruthe in ihren verschiedenen Formen Hermeli und die Herolde kenn-
zeichnet, bekommt der Stab in den seltenen Fällen seiner Verwendung
seine — wie ich glaube ursprüngliche — Bedeutung wieder, er wird
das Symbol des chthonischen Hermes. Das älteste bildliche Zeugnis
dafür bietet wohl die Jenenser Lekythos; bei Pindar (Ol. IX 35—38
Böckh, vgl. die alten Scholien dazu) führt Hades ähnlich die Todten
mit dem Stabe zur Unterwelt: ouö' 'Aiöac; aKivörrav ex6 pcißbov, ßpöiea
o"ujuaTa a Kcrrdrfei koi\&v irpöc; ayoidv GvacTKÖvTuuv.

*) Die Worte 6v^7tenkeyfA,ha, bis fraXX&v streicht Sauppe epist. crit. 132 (mir
nicht zugänglich); ebenso Mätzner in seiner Ausgabe. Die Ausdrücke scpaöav und
ex t(bv frakXäv sind mir allerdings auch nicht verständlich.

Archäologisch-epigraphische Mittheil. XV, 2. 3
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