Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 15.1892

Seite: 144
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Ähnlich möchte ich den Stab auffassen, den Polygnotos in
seiner Darstellung der Nekyia dem Agamemnon in die Hände gab,
Paus. X 30, 3: 'AYOtueuvuuv be uera töv 'AvtiXoxov 0~KfjTrrp6v xe {jttö Tr]v
dpicrrepav |uacrxd\r|v epeibouevoc; Kai xaic; x^?Glv CTravexwv pdßbov.
Agamemnon führt also, wie Hermes auf der Ienenser Lekythos, zwei
Attribute: das Skeptron bezeichnet ihn im allgemeinen als König,
wie ebenso den Gott das Kerykeion als Hermes, der Stab als den
Herrscher über die Todten, als welcher er ja auch sonst im Glauben
dieser Zeit erscheint, Aisch. choeph. 355 — 359: cpiXoc; qri\oi(Ti tok;
evceT kccXluc; öavoucnv Korrd xöovöc; euTTpeinjuv creuvoxiuoc; dvdKTuup Trporco-
Xöq le tujv ueYiö'Tcuv xöoviwv exeT Tupdvvujv. Übrigens trägt er auch
auf der bekannten Vasenscherbe des Euphronios Skeptron und Stab.

Auffallend ist, dass nach dieser Zeit der Stab zurücktreten muss
und dann nur noch vereinzelt in römischer Zeit auftritt, und zwar,
wenn wir aus den wenigen sichern Denkmälern dieser Art einen
Schluss ziehen dürfen, durchaus nur auf griechischem Gebiet. Die
Erklärung des letzteren Umstandes ist bald gegeben: der Todesgott
Hermes hat im römischen Glauben keinen Eingang gefunden (Preller
Rom. Myth. II 231 Anm. 2). Die Lücke aber in der Reihe der
griechischen Denkmäler sowie das anscheinende Schweigen der litera-
rischen Uberlieferung, wo unter pdßboc; oder virga meist eher die
Kerykeionform derselben gemeint sein dürfte, ist wohl dahin zu erklären,
dass die volksthümliche Vorstellung von der Rhabdos des chthonischen
Hermes, einmal durch das Kerykeion verdrängt, sich nicht wieder
allgemeine Anerkennung neben demselben zu verschaffen vermochte.

RUDOLF MÜNSTERBERG

Das Zr|KUüua VOI1 Kosovo in Bulgarien

Die Kenntnis dieses merkwürdigen Denkmals verdanke ich Herrn
Karl Skorpil, nach dessen Zeichnung die Abbildung hergestellt wurde.1)

*) Nachdem dieser Aufsatz bereits im Drucke war, erhielt ich durch Cichorius,
der auf einer Reise an der unteren Donau begriffen auf meine Bitte das Monument
einer Untersuchung unterzog, genaue Bestimmungen des Rauminhaltes der Hohl-
maße, welche ich in einem Nachtrage erörtern werde. Seine Lesung der Inschriften,
welche durch die Papierabdrücke bestätigt wird, ergänzt die Copie Skorpils in
einigen Punkten. Dass Herr Cichorius die Mühen einer bulgarischen Reise, die
nicht in seinen ursprünglichen Absichten lag, nicht gescheut, um die für die wissen-
schaftliche Verwertung des Denkmales so nothwendigen Messungen vorzunehmen,
verpflichtet mich zu dauernder Dankbarkeit.
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