Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 15.1892

Seite: 164
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nach, mit dem jungen Bock (und Blumen?), den Frühling; Nr. 69,
mit den Trauben neben sich, den Herbst; Nr. 70, mit Huhn und Hasen,
den Winter. — Ob man sich allerdings die Gestalten in der Aufstellung
friesartig neben einander gereiht, oder paarweise einander gegenüber-
gestellt, worauf die obere Vorwölbung der Steine 68 und 70 deuten
könnte, zu denken habe, dürfte zweifelhaft bleiben.

Die Arbeit der Figuren ist geschickt, obwohl provincial, am
besten bei 68.

71. Untere Hälfte einer Friesplatte, Kalkstein, Höhe
90 cm. Breite 108 cm. Dicke 16 cm. Die Platte ist schwach cylindrisch
vorgewölbt, hinten stehen beiderseits am Rande verticale Leisten vor.

Erhalten bis zur Hüftengegend ist der Unterkörper einer nach
rechts laufenden weiblichen Gewandfigur. Linker Fuß fehlt, rechter
bestoßen, daher nicht zu entscheiden, ob die Gestalt beschuht war.
Bekleidet erscheint sie mit einem dorischen Chiton, aus welchem in-
folge der raschen Bewegung das zurückgesetzte rechte Bein bis zur
Hüfte entblößt in Vordersicht vortritt. Ein Zipfel des Uberfalls ist
noch rechts neben dem linken Oberschenkel sichtbar, außerdem er-
scheinen ebenda Falten eines Gewandstückes, das im Rücken der Figur
sich fortsetzend zu denken ist, und wovon das eine Ende rechts bau-
schig niederhängt. Dies kann nur ein Obergewand sein, das von der
Linken mit vorgestrecktem Unterarm wagrecht am einen Ende vom
Körper abgehalten, nach bekanntem Schema im Rücken der Figur sich
bauscht und über ihrem Haupte sich emporwölbt. Der Oberkörper
war in Vordersicht. Der Kopf wird sich rückwärts nach links ge-
richtet haben. Das heroische Gewand führt auf eine mythologische
Scene. An eine Mainade oder eine Niobide ist kaum zu denken. Ähn-
lich ist u. A. eine Figur der Reliefdarstellungen des Leukippidenraubes
und die Figur der durch Menelaos nach Eroberung der Stadt verfolg-
ten Helena in einer berühmten Composition, die in einer Metope
des Parthenon und einem rothfigurigen Vasenbilde des fünften Jahr-
hunderts (Mus. Greg. II Taf. V, 2 a) vorliegt. Zu einer Deutung
fehlen indessen Anhaltspunkte, zumal auch der das Relief nach rechts
abschließende Gegenstand, ein stehender Stabbündel, durch umgelegte
Doppelringe oder Bänder mehrfach geschnürt, unten von Akanthus um-
wachsen (eine Fackel?), unsicher bleibt.

Die Arbeit ist elegant, stellt sich aber dem ersten Blick besser
dar, als sie in der That ist. Das vortretende Bein und die rauschen-
den Falten sind mit Raffinement angelegt, aber der reproducierende
Künstler verräth sich in der hilflosen Art, wie er das Gewand an der
Theilungsstelle herabführt, und im Frauenkörper, der unter dem Kleide
so gut wie gar nicht modelliert ist.
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