Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 15.1892

Seite: 173
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die anderen Stücke, und damit auch das vierte, vor diesem Termine
anzusetzen. Jedenfalls aber wird man, da nur von dem Gewv dbe\cpüuv
xeuevoc;, nicht von einem Oewv euepYexujv xeuevoc; die Rede ist, für die
Gedichtsammlung nicht unter 247, das Todesjahr des Philadelphos,
herabgehen wollen.

Doch gegen diesen Zeitansatz erhebt sich ein schwerwiegendes
Bedenken. Der 30. Vers lautet vollständig:

Geujv döeXqpwv xeuevoc;, 6 ßao"t\eucj xpi"|ö"TÖc;.

Diesen „braven König" hält man allgemein für Ptolemaios III.
Euergetes (247—222) und es ist in der That das einfachste und natür-
lichste, anzunehmen, dass der ßaöiÄeucj xpilöXocj ein anderer sei, als der
im Heiligthum der Geschwistergötter verehrte. Aber andererseits ist
doch auch Ptolomaios III. ein Gott gewesen und weder in der Be-
zeichnung xpM^Toej, noch sonst im Gedichte finden wir eine Anspielung
auf seinen Beinamen euepYexn.c;. Man könnte ferner auf die persön-
lichen Beziehungen des Philadelphos zu Kos hinweisen (s. oben) und
in dem Beiworte xpriGröc, den dem Stile des Mimiambos angemessenen
Ausdruck der Huldigung für denselben Herrscher erkennen, welche
Theokritos in tönenderen Worten und höherem Stil der Insel Kos
selbst in den Mund legt.17) Aber eine gesicherte Entscheidung ist
hier nicht zu erlangen. — Vielleicht führt ein anderer Weg zum Ziel.
Ich gehe dabei von der Ansicht aus, die wohl auf allgemeine Zustimmung
rechnen darf, dass die angeführten Werke wirklich im Asklepieion
vorhanden waren: hier eine Fiction anzunehmen, würde dem Charakter
dieser Dichtungen durchaus widersprechen. Es entsteht nun die Frage:
welche Gründe haben Herodas bewogen, aus dem sicherlich viel reicheren
Bestände an Weihgeschenken im Heiligthum gerade die Auswahl zu
treffen, welche uns vorliegt? Diels meint, wenn ich seine Ausführungen
recht verstehe, von denen mir nur eine kurze Skizze vorliegt,18) dass
es unserem Dichter darum zu thun war, seine und seiner Zeit Ansicht
von dem höchsten Ziele der Kunst auszusprechen, und dass darum
überall ,,der Realismus der Darstellung, die Portraitähnlichkeit, die
Lebenswahrheit" hervorgehoben werde. Ich kann dies nur für die
ausführlichere Äußerung über Apelles zugeben (72—78), welche ent-
schieden etwas aus dem sonstigen Ton herausfällt und ganz den

17) Theokrit XVII, 58:

viaL 6e (den Philadelphos) K6o>c, ätltaXls ßgicpoc, vsoyilöv toVm,
degctfiEva naqa ßat()6g —
Vgl. Kallim. hymn. in Del. 165: äklä ol (Kos) tu Moiq&ow oyeiXopevog &eb$ aXXog

edzl, ÖaoitrjQiov TJTCatov ytvog —

18) Diels Vortrag in der Novembersitzung der archaeologischen Gesellschaft
zu Berlin „über die neu gefundenen Mimiamben des Herodas".
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