Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 15.1892

Seite: 183
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in einem Falle die Beziehung, welche zwischen der Legion und ihrem
Thierbild besteht, mit Sicherheit zu erkennen. Es betrifft dies die
I. Minervia, von Domitian errichtet und nach Minerva benannt, weil
der Kaiser diese Göttin vor allen anderen verehrte;2) das Thierbild
dieser Legion ist der Widder.3) Da nun in jenem Monate, dessen
Schutzgottheit Minerva ist, die Sonne im Zodiakalzeichen des Widders
steht,4) so wäre es an sich ein sicherer Schluss, dass der Widder
der I. Minervia nichts anderes ist, als das Zodiakalzeichen und der
Legion deshalb verliehen wurde, weil Minerva ihre und auch des
Kaisers, der sie geschaffen, Schutzgottheit ist. Doch besitzen wir ein
directes Zeugnis, welches diese Bedeutung der Thierbilder außer Zweifel
stellt und von umso höherem Werte ist, als es ganz allgemein lautet.

Ovid sagt an einer Stelle der Fasten, wo er das romulische Jahr
schildert III 109 ff. .

signaque quae longo frater percenseat anno

ire per haec uno mense sororis equosf
libera currebant non observata per annum

sidera: constabat sed tarnen esse deos.
non Uli caelo l ab entia signa teneb ant,

sed sua: quae magnum per der e crimen erat,
illa quidem faeno: sed erat reverentia faeno,
quantam nunc aquilas cernis habere tuas.
pertica suspensos portabat longa maniplos,
unde maniplaris nomina miles habet.

Indem der Dichter mit der doppelten Bedeutung von Signum
Zodiakalzeichen und Fahne spielt, sagt er in einer nur für den modernen
Leser unklaren Weise, dass zu seiner Zeit die Legionen die Zodiakal-
zeichen in den Fahnen führten. Dadurch erhält dieses scheinbar so
unvermittelte Hineinziehen der romulischen Fahnen in die Schilderung
des romulischen Jahres seine volle Berechtigung und den eigentlichen
Sinn. Durch die Erkenntnis, dass die Thierbilder der Fahnen die .

!) Dio 55, 24; Sueton v. Domit. c. 4 und 15; Dio 67, 1; Preller röm. Myth.
I, 297 f.

3) Ich neige jetzt zu der Ansicht, dass auf der Scene der Traiansäule das
Signum, welches einen Widder zeigt und unmittelbar hinter dem Legionsadler steht
(Fröhner pl. 72 = Fahnen S. 74) die I Minervia symbolisirt, weil auf dem neu-
gefundenen Kasten der legio IV Macedonica das Thierbild als einziger Schmuck
der Fahnenstange die Legion kennzeichnet. Vgl. Figur 2. Wenn diese Scene auch
dem ersten Kriege angehört, für welche die Betheiligung der legio I Minervia durch
die Inschriften bisher nicht erwiesen werden kann, so ist dies doch kein ausschlag-
gebender Grund diese Beziehung zu bestreiten.

4) Mommsen, röm. Chronologie S. 305.
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