Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

Seite: 38
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körper einer sich nach links hinstreckenden männlichen Gestalt vor-
handen, an deren linker Seite noch ein breit vorspringender, zackig-
gegliederter Rest, offenbar von einer mächtigen Fischflosse, sichtbar
wird. Da wir annehmen müssen, dass auch auf der rechten Seite
eine ähnliche Figur in derselben Lage vorhanden war, so gewinnen
wir eine symmetrische Composition, deren Mittelstück die Muschel mit
der nackten Frau bildet, eine der bekannten Darstellungen der Aphro-
dite Anadyomene. In den Denkmälern ist die Göttin mit der köjx^
durch zwei ganz verschiedene Motive vertreten, welche zwei aufeinander-
folgende Momente des Ereignisses darstellen. Die Geburt der Göttin
selbst aus der Muschel, wie sie Plautus1) erwähnt, wird uns von der
zwischen den beiden Schalen einer geöffneten Muschel knieenden
Aphrodite2) vergegenwärtigt, außerdem in einer Variation, welche von
einigen bemalten Terracottagefäßen vertreten ist: Aphrodite aus einer
ähnlichen geöffneten Muschel, jedoch bloß mit nacktem, reich verziertem
Oberkörper hervorragend, z. B. auf einer Petersburger (Stephani
Compte-rendu 1870/71 Taf. I 8. 4), und auf einer Berliner Vase (G. Treu
arch. Zeitung 1875 Taf. 6).

Das zweite Motiv ist wiederholt auf einer Reihe römischer Sarko-
phagreliefs nachzuweisen,3) unterscheidet sich aber von dem ersten
dadurch, dass hier, wie auf unserem Exemplar, zwei Seedämonen
(Kentauren oder Tritonen) eine einzige Muschelschale tragen, auf der
wie auf einem Schild die Göttin in wechselnder Haltung, allein oder
in Begleitung von Eroten erscheint. Links und rechts von der Mittel-
gruppe sind dann die Räume der Vorderwand mit einem Gefolge von
Nereiden, Tritonen, Eroten u. s. w. gefüllt. Die Darstellung beruht
auf der vermuthlich hellenistischen Sage, welche die Aphrodite, nach-
dem sie aus dem Meere geboren war, auf einer Muschel nach der Insel
Kythera von Seedämonen tragen lässt.4) Bei beiden Motiven sind regel-
mäßig unten am Fuße der Darstellung Wellen angedeutet.

Unser Denkmal zeigt die größte Ähnlichheit mit dem von Benn-
dorf-Schöne Lateranens. Mus. S. 189 beschriebenen Sarkophagrelief, nach
dessen Vorbilde wir es auch ergänzen dürfen. So wird z. B. die ab-
gebrochene rechte Hand der Göttin eine Locke des Haares gefasst

') Rud. III 3, 42: te ex concha natam esse autumant...

2) Fast sämmtliche Beispiele dafür sind bei Stephani Compte-rendu 1870—71
S. 66 ff. zusammengestellt.

s) Die meisten davon sind bei Stephani a. a. 0. von S. 129 an zu finden.

4) Zu vergleichen ist die Stelle bei Paulus Diaconus, im Auszuge aus Festus

de verb. sign. p. 52: Cytherea Venus ab urhe Cythera, in quam primum deuecta esse dicitur
concha, cum in muri esset concepta. Und Tibull III 3 v. 34: et fareas concha Cypria
vecta tuet.
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