Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

Seite: 69
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1893/0079
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Das Heiligthum des Saturnus auf den schwarzen
Feldern (campi neri) bei Cles

Wenige Alpenthäler sind an Alterthümern so ergiebig wie die
tridentinischen, und keines unter ihnen ist daran so reich als Val
di Non, das Anaunium des Ptolemaeus. Fast an allen bewohnten
Orten dieses terrassenförmigen Hochplateaus sind archäologische Funde
zu Tage gekommen, spärliche nur aus der Steinzeit, überaus viele da-
gegen aus der ersten Eisenzeit, welche diese Gegend in weitem Um-
fange in ihren Culturkreis einbezog. Ansehnliche Niederlassungen
haben in den Grabstätten ihre Spuren zurückgelassen. Bestattungsart
und Beigaben sind dieselben wie in den norditalischen Necropolen.
Es sind durchgehends Flach- und keine Hügelgräber. Zahlreich sind
die metallischen, ärmlich jedoch die keramischen Producte in dem
Fundinventare vertreten. Das mannigfaltigste Material stammt aus
Meckel, Dercolo, Cressino, San Zeno, Dermulo, Cloz, Vervö und aus den
schwarzen Feldern (Campi neri) bei Cles. Die folgende Culturepoche,
die gallische, bringt eine Reihe von Producten, die den Glanz dieser
Kunst vollkommen veranschaulichen. Uber zweihundert Fibeln ergaben
meine Ausgrabungen bei Mechel, darunter nebst den bekannten Typen,
viele neue und charakteristische Formen aus der ersten, zweiten und
dritten La Tene Zeit. Äußerst reich sind die gallischen Emailstücke, die
Halsketten mit birnenförmigen Anhängseln und dem Schlusstücke in
Form eines menschlichen Kopfes, eine aus den Gräbern der Marne
bekannte Abart. In Hülle und Fülle kommen allerorten römische
Gräber mit den ihnen eigentümlichen Erzeugnissen zu Tage. An
Gewandnadeln brachte die bereits erwähnte Ausgrabung bei Mechel
über 500 Stück zum Vorschein, darunter alle Formen von den Provinzial-
typen an bis zu den barbarischen. Sehr reichhaltig ist die Serie der
Scheibenfibeln; die meisten (60—70) zeigen Grubenschmelz. Ein
solcher Reichthum an Schmuckgegenständen lässt auf eine zahlreiche
und wohlhabende Bevölkerung schließen und diese muss selbstver-
ständlich ihren öffentlichen Versammlungsort, ihren religiösen Mittel-
punkt gehabt haben, um die Feste zu begehen, um Beschlüsse zu
fassen, Recht zu hören und zu sprechen.

Wo diese Stätte zu suchen ist, werden hoffentlich die weiteren
Ausführungen ergeben. Vorläufig will ich die Bedeutung von Mechel
in der alten Zeit hervorheben, denn von hier aus scheint das Licht
auszugehen, hier liegt der Schlüssel zur Erklärung der schwarzen
Felder (campi neri), und beide Fundstätten ergänzen sich gegenseitig.
loading ...