Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

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wissenschaftlichen Sinn nicht zu mindern vermochte, einen Verein, der
sich die Aufgabe stellte, das Land, dessen Zukunft ihnen anvertraut
war, in seiner Vergangenheit wie in seinem gegenwärtigen Zustande zu
durchforschen; die Denkmäler aus Bosniens und Herzegowinas reicher
Geschichte sollten aufgesucht und vor weiterer Gefährdung sicher-
gestellt, den in Sitten und Sagen erhaltenen Spuren verwichener Zeiten
sollte nachgegangen und von den mannigfachen Äußerungen des heutigen
Lebens den Nachfahren ein thunlichst vollständiges Bild überliefert
werden. An der Spitze dieser Gesellschaft standen Regierungsrath
Constantin Hörmann und der allzufrüh verstorbene M. U. Dr Julius
Makanec. Schutz und Förderung fand sie an dem Reichsfinanz-
ministerium, das ihr einige Zimmer im Regierungsgebäude überließ
und Herrn Dr Ciro Truhelka als Custos zur Verfügung stellte. Die
Anregungen, welche der Verein zu geben verstand, das Interesse,
das er im Lande weckte, trugen reiche Früchte. Von allen Seiten
liefen Gaben und Angebote in solcher Fülle ein, dass sich zu ihrer
Verwertung die Kräfte einer Privatgesellschaft zu schwach erwiesen:
die Regierung übernahm 1887 alles bisher Gesammelte in eigene Ver-
waltung und gründete ein Landesmuseum, welches durch die unmittel-
bare Einflussnahme Seiner Excellenz des Reichsfinanzministers und die
energische Thätigkeit der leitenden Instanz für ähnliche Institute der
Nachbarländer vorbildlich zu werden verspricht. Der gesammte Ver-
waltungsapparat steht zu Diensten des Museums; jede Behörde wirkt
wie ein Organ desselben; der Regierungsrath und Bezirksvorsteher
ebenso gut wie der Gensdarm und Straßenmeister ist verpflichtet sein
Interesse wahrzunehmen. Neue Beobachtungen und Entdeckungen
müssen sofort nach Sarajevo gemeldet werden, von wo Experten an den
Fundplatz entsendet oder in der Nähe domicilierende Techniker mit
einem Gutachten betraut werden. Wo irgend thunlich werden wichtigere
Fundgegenstände, namentlich Inschriften in Original oder in getreuen
Nachbildungen nach Sarajevo gebracht, und auf diese Weise ist bereits
ein beträchtlicher Bestand eines vorzüglichen Studienmaterials gewonnen
worden. Ein Flügel des großen Gebäudes, welches dem Beamten-
pensionsfonde gehört, ist den Zwecken der Sammlungen überwiesen
worden. In drei Stockwerken desselben sind die kleineren Gegen-
stände untergebracht, während die Steine in einer hölzernen Halle
aufbewahrt werden, welche in den Hof des Gebäudes eingebaut wurde.
Gipsabgüsse und Abklatsche sind in einem eigenen Zimmer deponiert.
Seit 1889 gibt die Anstalt eine Zeitschrift heraus: Glasnik zemaljskog
muzeja u Bosni i Hercegovini, redigiert vom Regierungsrath C. Hörmann,
und es ist begründete Hoffnung vorhanden, dass die wichtigeren Artikel
dieser Zeitschrift von nun an auch einem weiteren Leserkreise zugänglich
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