Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

Seite: 115
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Darstellungen im Epiktetischen Kreise bezeugt. Wir sehen Kassandra,
nur ein schmales Gewand über den Schultern, nach rechts hin in die
Knie gesunken. Ihr Kopf ist nach links zurückgewendet. Mit der
Linken umfasst sie das eigenthümlich konisch gestaltete und mit einem
gestickten Gewände (Peplos) bekleidete Palladion4) (vgl. das Dionysos-Idol
auf der Schale des Hieron W. Vorl. A, IV) ; wie die Rechte bewegt war,
bleibt ungewiss. Rechts von dem Götterbilde wird ein Altar mit Blut-
spuren sichtbar; daneben erblickt man unklare Faltenpartien. Einen
Fingerzeig zur Vervollständigung der Scene gibt uns die Vivenzio-
'vase: von links her nahte Ajax, nach welchem Kassandra flehend sich
umwendet; rechts von Kassandra befanden sich wahrscheinlich trauernde
Troerinnen, denen die Faltenpartien zwischen Palladion und Altar an-
gehören. Auf dem Altare saß möglicherweise, nach rechts hin gewendet,

Fig. 1 a.

Priamos. So dehnt sich die Composition nach beiden Richtungen hin
aus, sicher über die eine der Schalenaußenseiten, vielleicht auch über
beide. Dass die Scherbe von der Akropolis einem Meister des Epik-
tetischen Kreises angehört, kann nicht zweifelhaft sein. Man beachte
die Härten in der Darstellung des nackten Körpers der Kassandra und
die Ungeschicklichkeit ihrer Stellung; auch die steife Hand und die
schematische Behandlung des Gewandes führen auf die Gruppe der
älteren Meister der rothfigurigen Schale hin.

Ein günstiger Zufall hat uns auf der einen der beiden Wiener
Scherben, welche beistehend unter Fig. 1 a in voller Größe des Originales
abgebildet ist, einen Rest derselben Scene, welche das Fragment von

4) Der Herausgeber des Fragmentes, Tzuntas, erklärt irrthümlicher Weise den
erhaltenen Theil des Palladion für den Panzer des vor Kassandra stehenden Ajax.
M. Mayer, Giganten und Titanen S. 272, erkannte richtig das Palladion.

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