Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

Seite: 119
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nun annehmen, dieser letztere Meister habe die Vorderansicht wieder
aufgegeben, da sie sein Können vielleicht überstieg, oder ist es nicht
viel einfacher, die Epiktetische Darstellung unseres Fragmentes direct
von den älteren schwarzfigurigen Darstellungen der Priamos-Episode
abzuleiten, welche uns den in der Schwebe gehaltenen Knaben, die Profil-
ansicht seines Kopfes und die staunend der Scene zuschauende Frauen-
gestalt, also alle wesentlichen Elemente der Darstellung, vereinigt zeigen?

Wir erkennen demnach in den Wiener Fragmenten — und
dasselbe gilt auch von dem Fragmente der Akropolis — Vor-
Euphronische Darstellungen derlliupersis auf der rothfigurigen attischen
Schale: die Generalpause im Epiktetischen Kreise, von welcher Klein
spricht, wird durch die beiden Darstellungen ausgefüllt. Wir dürfen
den älteren Meistern unserer Schalenfragmente das Verdienst zuer-
kennen, die einzelnen Episoden der Iliupersis, welche schwarzfigurige
Amphoren, Hydrien u. s. w. zeigen, auf den Schalenfries übertragen
und aneinander gereiht zu haben. In welchem Maße ihnen diese Auf-
gabe in Bezug auf die Composition und die geistige Verschmelzung
des Stoffes gelungen ist, lässt sich gegenüber den kleinen Bruchstücken
nicht mehr entscheiden. Malern der Blütezeit des strengen roth-
figurigen Stiles, wie Euphronios und Brygos, bleibt, wenn sie auch
hinsichtlich der Erfindung auf den Schultern ihrer Epiktetischen Vor-
gänger stehen, immer das größere Verdienst, auch diesen Stoff in eine
künstlerisch mehr gereifte und abgerundete Form gebracht zu haben.

Während die Iliupersis - Schale des Euphronios nicht zu den
vorzüglichsten Leistungen dieses Vasenmalers zu zählen ist (Furt-
wängler tadelt in der Beschreibung der Berliner Vasensammlung S.
563 die „einfache und nicht besonders sorgfältige Ausführung"), nimmt
die Iliupersis-Schale des Brygos im Louvre, sowohl ihrer Ausführung,
wie ihrem geistigen Gehalte nach, eine der ersten Stellen unter den
uns erhaltenen attischen Vasen ein.6) Die Begeisterung, mit welcher
sich Brygos dieses Stoffes, der seinem lebhaften Naturell ganz gemäß
ist, bemächtigte, spricht sich nicht nur in der Vortrefflichkeit der Dar-
stellung auf der Schale des Louvre, sondern auch darin aus, dass er
die Iliupersis mehrfach auf seinen Schalen behandelt hat.

Die in der Klein'schen Liste unter nr. 4 aufgeführten Fragmente
einer Iliupersis-Schale, welche sich früher im Besitze des Herzogs von
Luynes befanden (siehe Luynes, vases pl. 42 und Seite 28), sind von

6) Auf Controversen über den Wert der Brygosschale, wie sie Klein im
Euphronios S. 179 f. gegen die Heydemann'sche und Robert'sche Auffassung führt,
soll hier nur hingewiesen werden. Es dürfte schwer sein, in solchen Fällen eine
Einigung der Meinungen zu erzielen.
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