Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

Seite: 122
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Priamos durch Theile einer Architektur wiedergegeben ist, sondern auch
die Art, wie dieselbe behandelt ist, spricht für Brygos. Die Sauber-
keit und Schärfe, mit welcher Brygos den unbelebten Gegenstand dar-
stellt, hat sich in der umfassenderen Zusammenstellung seiner Werke
in den Griechischen Meisterschalen (Cap. XIII) als ein besonders
prägnantes Merkmal seiner Hand herausgestellt. Außer der fein
gezeichneten Architektur beachte man. auch den gemauerten Altar:
die Fugen der Steine sind nicht nur sehr sauber mit scharfen Relief-
linien wiedergegeben, sondern jede Verticalfuge ist mit heller Firnis-
farbe gewissermaßen abschattiert. Das erinnert an Erscheinungen, wie
die durch Firnisfarbe wiedergegebene Maserung des Holzes an Klinen
(Meisterschalen Taf. 34; Wiener Vorlegeblätter 1890/1 Taf. IX 9) oder
die Lichtreflexe auf den Säulenkörpern (a. a. O. Taf. 34 und 36).8)

Die Stellung unserer drei Orvietaner Fragmente innerhalb der
Schale, der sie einst angehörten, dürfte annähernd diejenige gewesen
sein, welche unsere Abbildung wiedergibt. Die dorische Säule mag
hinter dem Altar sich erhoben haben, ähnlich, wie sich auf der Pariser
Iliupersis-Schale des Brygos hinter dem Altare ein großer Dreifuß
befindet und auf der Vivenziovase an derselben Stelle eine Palme
emporragt. Mit voller Sicherheit lässt sich noch die Stelle bestimmen,
welche die Priamosepisode auf der Schale eingenommen hat. Das kleine
schwarzgefirniste Dreieck des Grundes neben dem Altare ist am Rande
ein wenig nach oben gewölbt; zweifellos setzte hier der eine Schalen-
henkel an. Die Composition der Priamosepisode auf unserer Schale
war also an derselben Stelle, wie auf der Pariser Darstellung, nur
in umgekehrter Richtung angebracht. Dieser Umstand ist nicht ohne
Bedeutung: er beweist aufs neue, wie die besten Meister der Blütezeit
der strengen rothfigurigen Schalenmalerei selbst bei der Wiederholung
ein und desselben Gegenstandes die Figuren immer wieder anders
anordneten, wie weit sie vom eigentlichen Copieren, und sei es auch
nur ihrer eigenen Erfindungen, entfernt waren.

Dass Neoptolemos auch auf unserer Schale in der Rechten den
Körper des Astyanax schwang, ist zwar nicht aus erhaltenen Resten
zu beweisen, aber sehr wahrscheinlich. Einen Schild in der Linken,
wie auf der Pariser Iliupersis-Schale des Brygos, hielt er auf unserer
Darstellung sicher nicht. Es hat vielmehr den Anschein, als fasse er
mit der linken Hand den greisen König am Kopfe, ähnlich wie auf
der Vivenziovase.

8) Auf schwarzfigurigen Darstellungen erscheint der Altar, auf welchem Priamos
sitzt, bisweilen roth und weiß oder schwarz und weiß carriert, um seinen Aufbau
aus verschiedenen Steinen anzudeuten (vgl. Gerhard, Etr. und Camp. Vasenbilder
Taf. 20/21; Furtwängler, Sammlung Sabouroff Taf. 49/50).
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