Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

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flehend erhoben, die Linke auf einen Stab gestützt, saß. Zur Rechten
eilte eine Frau, sich wendend und beide Hände ausstreckend von dannen,
ähnlich wie auf dem Epiktetischen Schalenfragmente in Wien. Im Innen-
bild trug ein Mann in einem langen Mantel, sich umblickend, als werde
er verfolgt, ein nacktes, in Vorderansicht gesehenes Knäblein von
dannen, welches sich mit beiden Händen am Kopfe des Mannes fest-
hielt. Da Astyanax auf diesem Gefäße in der Priamos-Episode fehlte,
liegt es, wie schon Klein Euphr. S. 177 erkannt hat, nahe, den Knaben
im Innenbilde Astyanax zu benennen.

Der Verlust dieser Schale ist um so mehr zu beklagen, als sie
nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch von besonderem Interesse
war. Heibig hebt im Bullettino 1884 S. 208 hervor, die Zeichnung
der Schale zeige „una tendenza spiccata di individualizzare". Die
Figur des Innenbiides wird, wie folgt, beschrieben: il volto apparisce
molto magro, il naso aquilino, il mento aguzzo, sul labbro superiore si
vedono sottilissimi baffi, scarsi peli sul mento e sulle guance. Mehr
als oberflächlich stimmt diese Beschreibung mit einer erhaltenen Figur
der attischen Vasenmalerei überein, mit dem skythischen Sclaven auf
der von Hieron gefertigten und vom Meister mit dem Kahlkopfe bemalten
Schale in der einstigen Sammlung van Branteghem in Brüssel (W.
Bl. C, 2; Griech. Meisterschalen Taf. 40). Eine Meister- oder Lieb-
lingsinschrift trug die Orvietaner Schale nicht, sondern nur sinnlose
Buchstabenreihen, welche Heibig 0 IV X und K V X Z VV liest. Es ist eine
reine Hypothese, deren Bestätigung abzuwarten bleibt, bis zu der Zeit,
wo die verschollene Schale einmal wieder auftaucht, dass dieses Gefäß
vielleicht von derselben Hand bemalt war, wie die oben genannte
Branteghem'sche Schale. Bei einem Nachfolger des Brygos, wie es
der Meister mit dem Kahlkopfe ist (vgl. Griech. Meisterschalen Cap.
XVII), wäre die Wahl des Stoffes der Iliupersis, die Brygos sichtlich
mit Vorliebe behandelt hat, an sich natürlich. Ferner bringt der Meister
mit dem Kahlkopfe, ein offenbar des Schreibens unkundiger Maler,
auf seinen Schalen gern ähnliche Buchstabenreihen an, wie sie die
verschollene Iliupersisschale aus Orvieto trug. Aber auch die eigen-
thümliche Auffassung des Vorganges, welche die Schale zeigt, würde
mit der Weise, wie sich jener Meister seine mythologischen Darstel-
lungen zurechtlegt, übereinstimmen. Klein hat a. a. O. ganz richtig
erkannt, dass hier der Kern des archaischen Typus der Priamos-
Astyanax - Episode angetastet worden ist. Er erkennt die „voll-
zogene Rettung" des Astyanax im Innenbilde der Schale. Vielleicht
ist das Letztere nicht ganz richtig: auf drei Pläne seiner Schale hat
der Meister gleichzeitige Vorgänge der Iliupersis vertheilt: Kassandra
wird von Ajax ergriffen, Priamos von Neoptolemos am Altare des
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