Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

Seite: 176
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Bedurfte man ja in der entlegenen Grenzprovinz zwar der Festungs-
werke und anderer Nutzbauten, aber keiner besseren Denkmäler, für die
es sich gelohnt hätte, technisch höherstehende Kräfte eigens zu
berufen. Erschwert wird eine Zeitbestimmung auch dadurch, dass die
unweit vom Heidenthor befindlichen, sicher viel späteren Denkmäler
analoge Ausbildungsformen aufweisen, sodass man dasselbe "nach diesen
Formen in eine viel spätere Zeit zu setzen geneigt sein könnte, hätte
man nicht so deutliche Wahrzeichen der römischen Herkunft vor sich.
Etwas Bestimmteres als den Terminus post quem, der durch die
Inschrift aus der Zeit Caracallas gegeben ist, wage ich daher nicht
aufzustellen.

Ein Anhalt fehlt auch, um die Epoche zu bestimmen, in der das
Monument der Zerstörung anheimfiel. Dieselbe wird man sich wohl als
eine allmähliche vergegenwärtigen dürfen; denn es erscheint sonderbar,
dass die Pfeiler ganz unten zumeist angebrochen sind und daselbst die
Quadern fehlen, während die mittlere Basis in ihren untersten Schichten
noch an ursprünglicher Stelle stand. Die umherliegenden Keilsteine der
höheren Schichten aufeinander gesetzt, reichen viel höher hinauf, bei-
nahe bis an die jetzige Terrainhöhe, während die beiden zerstörten
Pfeiler lange nicht so hoch aufragen. Eine deutlich sich aussprechende
Schicht von ca. 40 cm, in der sich viele Schädel- und andere Knochen-
reste vorfinden, bedeckt den alten Boden und gehört der ersten Zer-
störungsperiode an. Erst viel später scheinen Einflüsse der Zeit
an der Zerstörung betheiligt, und nur was Felsen gleich Widerstand
leistete, ist noch erhalten.

Als nächster durch Versuchsgräben zu prüfender Ort war die
sogenannte Pfaffenbrunnwiese bei Petronell bestimmt. Dieselbe liegt
östlich des Marktfleckens, stösst an die zur Pfarre gehörigen Gründe und
grenzt südöstlich an die nach Deutsch - Altenburg führende Straße.
Die nördliche Grenze wird von den Abhängen gebildet, die zum
Donauarm der Schlossau ziemlich steil abfallen. Die Hauptrichtung
dieser Wiese, welche derzeit als Gemeindehutweide benützt wird, geht
von Südwest nach Nordost immer längs der Straße hin. Siehe die
Ubersichtskarte zum Führer durch Carnuntum und den Gesammtplan
der Ausgrabung auf Tafel I.

Da die Grabungen beim Heidenthor keine Straßenzüge ergeben
hatten, wünschte ich durch langgestreckte Versuchsgräben in der Richtung
gegen das Lager hin die Straße zu kreuzen, von der sich mit Wahr-
scheinlichkeit vermuthen ließ, dass sie in der Nähe der für Grabungen
leicht zur Verfügung stehenden Pfaffenbrunnwiese anzutreffen wäre.
Begonnen wurde daher mit dem ersten Versuchsgraben bei b, woselbst
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