Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

Seite: 206
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Erwähnung eines Kaisers aus einer Zeit, in der er in seinem Titel die
10. imperatorische Begrüßung führte. Nun ist die Form der Buch-
staben, namentlich des beträchtlich geöffneten P derart, dass man die
Inschrift nicht wohl unter das Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr.
herabrücken kann. Bis dahin haben nur Augustus, Claudius, Nero,
Vespasian und Domitian die 10. imperatorische Begrüßung erreicht.
Von diesen ist der erste schon dadurch ausgeschlossen, dass damals
(etwa in den Jahren 15—12 v. Chr., sieh Mommsen mon. Ancyr.2 p. 13)
das römische Reich nicht bis hierher reichte. Da ferner erst Vespasian
das Lager in der Nähe dieser Stelle angelegt hat, das vorher, also
unter Claudius und Nero, bestehende aber nach Ausweis der inschrift-
lichen Funde (z. B. der nicht später anzusetzenden, neuerdings ge-
fundenen Grabschriften von Soldaten oder Veteranen der 15. apollina-
rischen Legion in dieser Zeitschrift V S. 203 und VIII S. 81 = CLL.
III S. 11213. 11229) in ziemlicher Entfernung bei Petronell gelegen zu
haben scheint, und da andrerseits bei der gründlichen Zerstörung, die
die Denkmäler Domitians nach seiner Verurtheilung getroffen hat, an
hervorragenden öffentlichen Bauwerken eine Inschrift mit seinem Namen
kaum geblieben sein kann, so ist es an sich höchst wahrscheinlich,
dass wir das Bruchstück auf Vespasian zu beziehen haben. Es fällt
aber die Anlage des über dem Amphitheater gelegenen Lagers nach
dessen Bauinschriften, von denen nach und nach Stücke von drei
Exemplaren gefunden sind (s. diese Zeitschrift V S. 209 • XI S. 8 n.
7 = C. I. L. III S. 11194 — 11196), gerade in die Zeit, da Vespasian
imperator decimum war, ins J. 73. Die Bauinschriften hatten nämlich
folgenden Wortlaut (ich setze die in keinem Exemplare erhaltenen
Buchstaben innerhalb eckiger Klammern):

imp(eratore) VefspasianoJ Caes(are) Aug(usto) [p(ontifice) m(axi-
mo), imp(eratore) X, p(atre) p(atriae), co(n)Js(ule) IV, desig(nato) V;
T(ito) imp(eratore) Caes(are) Afujg(usti) f(ilio) imp(eratore) IV, co(n)-
s(ule) II, desig(nato) III; Domitiane* Caes(are) Aug(usti) f(ilio) co(n)-
fs(ule) II] ; C. Calpet[ano] Rantio Quirfinale] Vater[io Festjo leg(ato)
Aug(usti) pr(o) fpr(aetore)]; Q. E[g]n[at]io C[ato leg(ato) leg(ionis) XV
Apol(linaris)] ; leg(io) XfV Apollinaris)].

Dieses Zusammentreffen kann kein Zufall sein, sondern macht die
Beziehung des Bruchstückes auf Vespasian zweifellos. Nun wäre zu-
nächst auch denkbar, dass es zu einem vierten Exemplar der Bau-
inschriften des Lagers gehörte und von dorther die nicht sehr beträcht-
liche Strecke weit verschleppt wäre. Aber dagegen spricht entschieden
die Fundstelle in der Nähe der hervorragendsten Sitze des Amphitheaters
nach der Stiaße zu. Und ferner bestehen die drei Exemplare vom
Lager aus anderem Material und haben weit geringere Dimensionen
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