Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 16.1893

Seite: 245
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Antiken aus Durazzo (Dyrrhachium)

Nachstehende Abschriften und Beschreibungen antiker Inschriften
und Reliefs sind von den Herren Professoren Forchheimer in Aachen
und Ad. Exner in Wien auf einer im heurigen Frühjahr gemeinsam
ausgeführten Reise nach Albanien und Macedonien gesammelt worden.

1. Die in Band III des Corpus I. L. unter n. 607 nach Heuzey's
Abschrift und Abklatsch durch Mommsen publicirte reichhaltige In-
schrift aus Dyrrhachium befindet sich jetzt in Durazzo am Eingang
des Bürgermeistereigebäudes links auf dem Pflaster. Die neue Ab-
schrift bestätigt nur die Richtigkeit des von Mommsen gegebenen Textes.

2. Ebendort ist rechts auf dem Pflaster eine 0*44 m breite oben
gebrochene Platte mit Inschrift in einem vertieften Feld, unterhalb
dessen ein zweites solches Feld der Länge nach in zwei Abtheilungen
gegliedert ist. Gelesen ist:

L-CALSIV
GRATVS

CON IVG I SVAE -FECIT

aber das erste L in Z. 1 als zweifelhaft bezeichnet.

L(ucius) Ca[e]siu[s] Gratus coniugi suae fecit. Der Anfang der
Inschrift, der den Namen der Verstorbenen enthielt, ist verloren.

3. Vor einem Hause in der Vorstadt von Durazzo rechts von der
Straße nach Kavaja befand sich eine 0*45 hohe, 0*28 breite und 0'24
dicke Ära aus Marmor, die Prof. Exner erworben und nach Wien ge-
bracht hat; sie wird in seiner Wohnung IX. Pelikangasse 16 aufbe-
wahrt. Die Platte über dem Bekrönungsgesimse ist auf allen Seiten
verziert; auf den Seitenflächen ist links ein Urceus, rechts eine Patera
dargestellt. Die Vorderseite trägt in guten, anscheinend dem ersten
Jahrhundert n. Chr. angehörigen Buchstaben die Inschrift

L-VESVLLIÖ
Vi T Ä L I
A VG
^Q^P T IM O #P AT Rl

Die Apices über O und A in Z. 1 und 2 sind klein aber un-
zweifelhaft; ebenso ist die Erhebung der beiden I in Z. 2 über die
andern Buchstaben nicht bedeutend, aber beabsichtigt. Apices wie
Erhebung drücken bekanntlich die Länge des Vokals aus. Zu lesen
ist wohl L(ucio) Vesullio Vitali aug(uri) optimo jpatri. Denn Augustalen
hat es vielleicht überhaupt in dieser Gregend nicht gegeben und zudem
scheint der Verstorbene ein ingenuus zu sein. Einen Augur aus Dyr-
rhachium kannte man bereits durch die Inschrift C. I. L. III 611.
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