Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 17.1894

Seite: 120
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Faltengebung verräth, dass sie oberhalb der Knie Uber der Brust
gekreuzt zu denken sind. Links vor ihm, ihm zugewandt, ein Jüngling
mit nacktem Oberkörper in knieender Stellung-; in der hoch erhobenen
Rechten hält er einen Stab, im Begriffe, denselben zu Boden zu stossen,
während der vorgeneigte Oberkörper und die vorgestreckte linke Hand
den Anschein hervorrufen, als wolle er gleichzeitig einen Gegenstand
vom Boden aufnehmen. Auf diese Stelle des Bodens ist auch der Blick
der sitzenden Jünglingsgestalt gerichtet. Der Boden selbst ist durch
eine Reihe isolierter kleiner Steine deutlich als eine Schuttschichte
kenntlich gemacht. Unterhalb der beiden Gestalten nahe dem Bildrande
ringeln sich zwei Schlangen.

Dargestellt ist, wie die beigegebenen Inschriften (AI AVK OS,
II OL VI IAO 5) beweisen, eine Episode aus dem Mythos von Glaukos,
dem Sohne des Minos (vergl. Drcxler bei Roscher I Sp. 1686 ff.).
Minus sucht vergeblich seinen Sohn, der beim Ballspiele oder Verfolgen
einer Maus in einem Honigfasse seinen Tod gefunden hat. Das in den
Honig Fallen ist selbst ein Ausdruck für den Tod, der sich aus der
Sitte, die Leichname mit Honig einzubalsamieren, erklärt (Heibig, hom.
Epos2 p. 54, vergl. Tsountas, \E?7ha. apx- 1888 Sp. 133 ff.). Ein" Orakel
weist den König an den argivischen Seher Polyeidos, als den einzigen,
der den Knaben finden könne. Eine auf der Honigkammer sitzende
Eule führt zur Entdeckung des Glaukos; da ihn aber der Seher nicht
wiederzubeleben vermag, lässt Minos ihn mit dem Leichname in ein
Grabmal einschliessen. Eine Schlange, welche sich an den Leichnam
heranschlich und von Polyeidos erschlagen wurde, wird von einer
Gefährtin durch Auflegen eines Krautes wieder zum Leben gerufen;
durch die Wunderkraft dieses Krautes erweckt nun auch der Seher
den Glaukos aus seinem Todesschlafe.

Die Darstellungen aus diesem Sagenkreise sind selten und, soviel
ich sehe, nur auf geschnittenen Steinen erkannt worden, wo indes der
Moment der Auffindung des Glaukos im Honigfasse wiedergegeben ist.
Vergl. arch. Zeit. 1860 p. 69 und Babelon, amer. Journ. of arch. II
p. 290 Tafel VII, 5.1)

Da Glaukos mit geöffneten Augen dargestellt ist, glaubt Fröhner,
dass nicht der Moment seiner Erweckung wiedergegeben sei, sondern

*) Eine Episode aus dem Glaukosmythos will Brückner in der Darstellung
einer attischen Lekythos erkennen (Jahrbuch VI p. 200; Tafel IV). Doch bietet sie,
wie der Herausgeber selbst betont, nichts, was über das Genre der Grabscerien hinaus,
auf eine mythologische Darstellung deuten würde. Eine Bezugnahme auf den Glaukos-
mythos verbietet aber überhaupt der Umstand, dass nur ein Jüngling dargestellt ist,
der vor den drohend sich aufbäumenden Schlangen davon flieht, was der Sage direct
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