Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 17.1894

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und Delminium aus nach Norden vorrückenden Streitkräften zu suchen
und so den Aufstand rasch und gründlich zu ersticken. Allein ein
solches Unternehmen wäre diesmal aussichtslos gewesen; die, wie wir
nun wissen, erst nach dem Ende des Aufstandes angelegten, über die
dinarischen Alpen führenden Strassen waren noch nicht eröffnet, ein
derartiger Versuch hätte daher an der ungünstigen Beschaffenheit des
Karstgebietes scheitern müssen, das, Avie Ballifs Nachweisungen der
„Spurrillen"1 zeigen, schon in römischer Zeit weite Gebiete umfasst hat.
Für grössere Truppenmassen passierbare Flussthäler und Gebirgsüber-
gänge, wie sie die Etsch, die March, der Main und andere Neben-
flüsse am rechten Ufer des Rhein boten, oder weit hinauf schiffbare
Flüsse, wie die Ems und Elbe, die Deutschland auch von der Seeseite
her römischen Truppen zugänglich gemacht haben, fehlten hier gänzlich.
Die dinarischen Alpen hätten die Vereinigung einer Nord- und einer
Südarmee im Feindesland selbst aufs äusserste erschwert, wo nicht
unmöglich gemacht, zumal, da sie von viel tapfreren und freiheits-
liebenderen Stämmen bewohnt waren als die rätischen und in »riscdien
Gebirge. Der Abmarsch beträchtlicher Kräfte von Sissek durch das
Una-, Sana- oder Verbasthal ins Innere des aufständischen Berglandes
hätte überdies den pannonischen Rebellen einen Verstoss über Sissck
in westlicher Richtung erleichtert und die Sicherheit Italiens gefährdet.

Wir dürfen glauben, dass diese Verhältnisse dem Tiberius, der
schon früher in diesen Gegenden Krieg geführt hatte, wohl bekannt
waren und dass solche Erwägungen ihn bestimmten, als er von der
Donau nach Sissek zurückgekehrt war, auf diesen festen Platz gestützt,
sich zunächst defensiv zu verhalten und vor allem einen Einbruch der
Pannonier auf der Linie Oberlaibach-Triest (Vellerns II 1101 nach Italien
zu verhindern. Während die Erhebung der Pannonier und Dalmater
einheitlich und zusammenhängend war, während sie, wie aus Dios Er-
zählung hervorgeht, hinter den dinarischen Alpen volle Bewegungsfreiheit
hatten, musste der römische Feldherr vorläufig Salona und die Nord-
grenze der makedonischen Provinz sich selber überlassen und den
Plünderungen der Dalmater preisgeben. Es blieb also, wie Vellerns
(II 115) bezeichnend sagt, auch nach dem Siege über die Pannonier
am Bathinus die altera rnoles eines dalmatischen Krieges zu bewältigen.
Erst nach diesem Erfolg konnte von Sissek aus der Versuch unter-
nommen werden, durch das Una- und vielleicht auch das Sanathal
(die Lage von Raetinium bei Bihac, vergl. 0. Hirschfeld a. a. (>. S. 356,
ist ziemlich sicher festgestellt) nach Süden vorzudringen und von Salona
aus, wo Tiberius im Jahre 9 wieder befehligte, nach Norden gegen
Andetrium vorzugehen. Dass es damals erst gelungen ist, die von Sissek
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