Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 17.1894

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nach Süden aus vordringenden Streitkräfte mit vieler Mühe über die
dinarischeu Alpen zu führen und mit denen des Tiberius zu vereinigen,
deuten auch unsere Quellen an. Vellerns berichtet (II 115) von
M. Lepidus, dem Commandanten in den Winterquartieren des Jahres 8/9
in und bei Sissek, er sei initio aestatis . . . per gentis integras immu-
nesque adhuc clade belli et eo feröces ac truces tendens ad Tiberium
imperatorem . . . pervenit ad Caesar cm. Damit sind ohne Zweifel die-
selben Unternehmungen gemeint, die bei Dio (56, 11 ff.) als Thaten
des Germanicus erscheinen: die Erstürmung von Splonum (S-Xaövov bei
Dio), Raetinium und Seretium.5) Dass Vellerns nicht den Germanicus,
sondern M. Lepidus als Befehlshaber nennt und den Antheil des
Germanicus an dem ganzen Kriege mit der kurzen Bemerkung magna
in hello Delmatico experimenta virtutis in incultos ac difficüis locos
praemissus Germanicus dedit (vergl. 0. Hirschfeld a. a. 0. S. 352)
abthut, erklärt sieh aus der Tendenz seiner Schrift zur Genüge. Dio
(56, 12) spricht von einer Dreitheilung des Heeres im Jahre 9, mit einer
unglaublichen Motivierung und so ungenau, dass daraus nur ganz all-
gemein eine Bestätigung für die Vermuthung einer Cooperation getrennter
Corps von Sissek und von den dalmatinischen Lagern aus entnommen
werden kann.

Die anfänglich rein defensive Haltung des Tiberius mit Sissek
als dem Hauptstützpunkt seiner Streitkräfte, von wo aus er im Jahre 8
nur den vereinzelten erfolglosen Vorstoss gegen Seretium (Dio 56, 12)
gemacht zu haben seheint, ist auch aus der ruhmredigen Darstellung
des Vellerns deutlieh zu entnehmen. Nicht nur, dass er wiederholt die
Vorsicht des Tiberius preist (II III quantis prudentia ducis opportuni-
tatibus fr acutes . . . qua prudsntia hiberna disposita sunt, 115 imperatori
numquam adeo ulla opportuna visa est victoriac occasio quam damno
amissi pensaret militis semperque visum est gloriosissimum, quod esset
tutissimum), nicht nur dass er die Leichtfertigkeit und das Draufgehen
seiner Unterbefehlshaber tadelt (II 112), deren Fehler die Tapferkeit
der Soldaten gut machen muss, qui multum a more imperatoris sui
discrepantes ante in hostem inciderunt, quam per exploratores, tibi hostis
esset, cognosecrent, auch die Schilderung der Obsorge des Tiberius für
das Wohlbefinden der Offieicre und Soldaten in den Winterquartieren
(II 114) nimmt einen für die Erzählung der Kriegsthaten eines Ober-
commandierenden auffallend grossen Raum ein.

5) Edm. Meyer, Untersuchungen über die Schlacht im Teutoburgerwald, Berlin
1893 S. 75, hat mit Recht bemerkt, dass kein Grund vorliegt, diese Ereignisse, die
Dio zum Jahre 9 berichtet, theilweise dem vorhergehenden Jahre zuzuweisen.
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