Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 17.1894

Seite: 145
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Zu diesen Tiberius' Verhalten vertheidigenden Worten seines Lob-
redners kommt nun noch die Angabe des Dio (55, 81), dass Augustus
seinen Adoptivsohn im Verdacht hatte, er ziehe den Krieg, den er
rasch hätte beenden können, absichtlich in die Länge. Daraus ersieht
man, dass es am Hofe gewichtige und einflussreiche Stimmen gab, die
Tiberius' Defensive tadelten und durch derartige Anschuldigungen die
Entsendung des Germanicus nach Sissek durchsetzten. Schon zwei Jahre
nach der Adoption des Tiberius machen sich also bereits wieder dessen
Gegner mit Erfolg bemerklich.

Leider ist es bei der Lückenhaftigkeit und Ungenauigkeit der uns
erhaltenen Berichte, die sich auch in dieser Hinsicht beobachten lässt.
im einzelnen unmöglich, mit Sicherheit festzustellen, wie sich der
Gegensatz weiter entwickelt hat. Wie es scheint, begnügte sich Augustus
vorerst, den Germanicus im Jahre 7 nach Pannonien zu schicken und
berief den Tiberius erst im folgenden Jahre ab. Da nämlich Dio
(56, 12) von einer abermaligen Entsendung des Tiberius auf den
Kriegsschauplatz im Jahre 9 berichtet (tdv Tißspiov 6 Au^oüozoz Iq nrjv
AsXaattav aoxh; sTce^s), so muss dieser Entsendung eine Abberufung
vorangegangen sein.

Der festliche und ehrenvolle Empfang, den Augustus im Winter
des Jahres 9 (Dio 56, 1; Sueton Tib. 17) dem Tiberius bei seiner
Rückkehr bereitet hat, schliesst natürlich nicht aus, dass dieser Ehrung
seine Abberufung aus Pannonien vorangegangen war. Als später Tiberius
den Germanicus, weil er mit seiner Kriegführung unzufrieden war, aus
Deutschland zurückberief, sind diesem gleichfalls die höchsten Ehren
zuerkannt worden. Nach aussen ist überdies die Zurückberufung gewiss
absichtlich und mit Erfolg verborgen gehalten worden. Es ist daher
begreiflich, dass die von dem Princeps dem Tiberius bewiesenen Rück-
sichten den Ruf nach noch ausserordentlicherer Anerkennung zur Folge
hatten.6) An der Thatsache, dass diesen Ehren eine Abberufung voran-
gegangen ist, ändern jedoch die demonstrativen Gunstbezeugungen nichts,
dem Verlangen, Tiberius durch einen Beinamen zu ehren, widersetzte
sich Augustus überdies (Sueton Tib. 17) nachdrücklich.

Dass Tiberius während des pannonisch-dalmatischen Krieges zeit-
weilig in den Hintergrund gedrängt war und sich seiner darüber eine
Verstimmung bemächtigt hat, ist ferner aus weiteren Angaben des Dio
ersichtlich (56, 17), wonach Germanicus und nicht Tiberius sowohl

°) Zur Entscheidung der Streitfrage, ob die Nachricht der Fasten von Antium
(CJL IX 6637) von einem Siege des Tiberius in Illyricum auf die Schlacht am
Bathinus im Jahre 8 oder auf die Einnahme von Andetrium im Jahre 9 zu beziehen
sei, lässt sich daher von dieser Seite kein Anhaltspunkt gewinnen.
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