Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 17.1894

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Ende des Jahres 8 als auch Ende des Jahres 9 dem Aügustus über
den Erfolg heider Campagnen persönlich Bericht erstattet hat. Endlich
sagt Sueton (Tib. 16) ausdrücklich, dass Tiberius nicht die ganze Zeit
über den Oberbefehl gehabt habe: quamquam saepius revocaretur, tarnen
perseveravit etc.

Da die Beschreibung der Schlacht am Bathinus im 55. Buch des
Dio ausgefallen ist, so kann man bei der dem Germanicus sonst
günstigen Haltung dieses Gewährsmannes nur' vermuthen, dass er ihm
auch an diesem Erfolg einen Antheil zugeschrieben halte. Es ist also
zweifellos Schönfärberei, wenn Vellerns den Krieg der Jahre 6—9 so
erzählt, als ob Tiberius ununterbrochen den Oberbefehl geführt und nur
gelegentlich und aus freien Stucken den Winter in Italien verbracht
hätte, und als ob (lennanicus ihm nur als Untergebener beigesellt
worden wäre.

Für die Beurtheilung der Parteien am Hofe und der Intriguen,
die gegen Tiberius ins Werk gesetzt worden sind, ist dieses Beispiel
deshalb wichtig, weil es uns den Versuch der Gegner kennen lehrt,
seihst seine bewährte Tüchtigkeit als Feldherr in Frage zu stellen und,
seine vorsichtige Kriegführung geschickt zu Anklagen benutzend, den
jüngeren Prinzen auf seine Kosten hervorzuheben (Hirschfeld a. a. 0.
S. 359). Für Aügustus erwuchs so die überaus schwierige Aufgabe,
zwischen diesen Gegensätzen zu vermitteln. Aus Dios Bericht (56, 17)
ist zu entnehmen, dass der Anhang des Germanicus mit der Zuerkennung
der Ehren an die beiden Führer nach dem Ende des Krieges keineswegs
zufrieden war; man glaubte darin noch immer eine Bevorzugung des
Tiberius durch den Princeps zu erkennen, dass dem Sohne des Tiberius,
Drusus, „obwohl er an dem Kriege gar nicht theilgenommen hatte",
dennoch Ehren erwiesen worden sind.

Die Beschaffenheit des Kriegsschauplatzes, die uns bekannte
Thatsache, dass erst nach dem Ende dieser vierjährigen Kämpfe
die Arbeiten zur Herstellung praktikabler Verbindungen zwischen der
dalmatinischen Küste und den Niederungen der Drau und Save be-
gonnen worden sind, endlich Avas wir von dem Verlaufe des Krieges
in Pannonien und Dalmatien selbst wissen, lässt die defensive Haltung
des Tiberius gegen die Dalmater bis zur Unterwerfung der Pannonier
gerechtfertigt erscheinen. Man kann sich aber leicht vorstellen, dass
die Nachrichten von einem Angriff der Rebellen auf Salona und von
der Plünderung der Küste bis Apollonia, sowie der Umstand, dass
Tiberius im ersten und zweiten Kriegsjahr entscheidende Schläge nicht
zu führen imstande war, wenn sie entsprechend verwertet wurden, der
Anklage einen Schein von Berechtigung gaben, Tiberius thue als Feld
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