Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

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er hält mit beiden Händen ein Lamm an den Beinen. Die vierte 0-20
breite Seitenfläche ist mit einem spitzigen Instrumente abgearbeitet.

Dass der Stein kein Denkmal für sich bildete, zeigen schon die
jedenfalls ursprünglichen Löcher in der oberen Horizontalfläche; den
Ausschlag gibt die Erwägung, dass die Figur des Jünglings mit dem
Beutel in dieser Überschneidung unmöglich vollständig sein kann. Über-
dies fehlt der untere Rand, und die Unterfläche des Steines zeigt, wie
eine Seitenfläche, deutlich die Spuren der Abarbeitung. Der Stein ist also
nicht bloss in der Breite unvollständig, worauf auch das Loch am
Rande der oberen Horizontalfläche hinweist, welches eben an der mit der
unsculpierten Seitenfläche gebildeten Kante erscheint, sondern er hatte
ursprünglich auch eine Fortsetzung nach unten, d. h. die Jünglings-
figur war vollständig gebildet; ergänzt man sie mit entsprechendem
unteren Rande, so kommt man etwa auf die doppelte Höhe (mindestens
1*32), fast genau dieselbe wie die der Reliefs in der Kirchenmauer.
Auf den beiden anderen Seitenflächen sind demnach je zwei Figuren
in Feldern übereinander anzunehmen, von denen uns eben die oberen
erhalten sind. Die Breite der Seitenflächen von 0*20 und 0*27 stimmt
ungefähr mit der Dicke der Kirchenmauer. Weiter beträgt die Relief-
stärke auf den 0*35 breiten Seiten etwa 0-07, wie bei den grossen
Figuren jenes Steines. Die kleineren Figuren des Steines im Schlosse
sind 0"53 hoch, genau so wie die übereinander befindlichen Figuren
des Reliefs mit der Tänzerin, und die Höhe des Jünglings mit dem
Beutel — der erhaltene Theil ist ü-57 hoch — wird etwa so gross
gewesen sein wie die der Figuren des Reliefs der Außenseite, Fl<>
bis 1*15. So entsprachen also auch auf dem Steine im Schlosse ur-
sprünglich einer grösseren Figur zwei ungefähr halb so grosse in
Feldern übereinander, nur nicht auf derselben Seite des Steines. Viel-
leicht war demnach der Stein in der Kirchenmauer noch auf einer oder
beiden Schmalseiten sculpiert.2)

2) [Die Steine werden von den Nebenwänden einer Grabaedieula herrühren.
Entsprechende Stücke, mit Reliefs verziert, finden sich im Museum von Hennann-
stadt. Verständlich wurden mir dieselben, als ich sie 1873 daselbst kennen lernte,
durch eine vollständig erhaltene Aedicula von Micia, die ich kurz zuvor in Maros
Nemeti gesehen hatte, jetzt veröffentlicht von Fr. Cumont in dieser Zeitschrift XVII
24 Fig. 3 und 4. Der Stein im Schlosse wird die rechte, derjenige in der Kirche
die linke Nebenwand der Aedicula gebildet haben, so dass die grossen Figuren im
Innern standen, Fig. 6 Theil des Daches der Aedicula sein. Der angeblich trapez-
förmige Querschnitt des ersteren Steines dürfte sich durch die Reliefvertiefung oder
eine Beschädigung erklären. Das trapezförmige Loch, das sich auf seiner oberen
Horizontalfläche am Rande der nicht sculpierten Seite befindet, rührt gewiss von
einer Klammer pÜXÜ^ her. Die vorgetragene Vermuthung hat Herr Architekt Dell

die Güte gehabt mir durch eine Restaurationsskizze zu bestätigen, auf die wir nach
einer gelegentlichen Überprüfung des Originals zurückkommen wollen. O. B.]
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