Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

Seite: 143
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In diesem Bericht stimmt nur das mittlere Stück mit Polybios überein
Anfang und Ende unterscheiden sich von dessen Darstellung- ebensosehr, wie
von der livianischen. Jedoch macht die Erzählung- des Appian auch in den
Abschnitten, die ihr eigenthümlich sind, den Eindruck sehr genauer Kunde,
und zwar besonders über die Verhältnisse auf illyrischer Seite. Sie
stellt ferner im Ganzen die Illvrier in einem günstigeren Lichte dar
als Polybios und die römischen Annalen, besonders Teuta erscheint
schuldlos an allem Unrecht. Was aber die Hauptsache ist, dieser
Bericht schliesst die vorbedachte Tödtung des oder der römischen Ge-
sandten wegen ihres freimüthigen Auftretens vor der illyrischen Königin,
was bei Polybios, wie in den römischen Annalen so wirksam vor Augen
gestellt wird, vollständig aus. Die Gesandten werden unterwegs von
Piraten überfallen, sind also weder zu Agron noch zu Teuta gekommen.
Der Greuel des Gesandtenmordes schrumpft nach Appian auf einen
räuberischen Überfall zusammen, an dem die illyrische Herrscherin
ganz unschuldig ist; für das stolze Wort des jungen Coruncaniers vor
der übermüthigen Fürstin ist in in diesem Bericht keine Stelle.

Zur Zeit, da Appian schrieb, fehlten allerdings jene Beweggründe,
die Polybios und die römischen Annalisten bestimmen konnten, durch
Schilderung der illyrischen Zuchtlosigkeit das Verdienst Poms zu er-
höhen, das Griechen und Italiker von diesen Barbaren befreit hatte.
Seit dem Jahre 9 n. Chr. waren alle Aufstandsversuche in Illyricum
gegen die römische Herrschaft erloschen. Dalmatien war völlig roma-
nisiert, und seit Tiberius war auch dessen Hinterland der römischen
Cultur und dem Handel erschlossen.

Allein dieser Wechsel der Zeiten reicht zur Erklärung der Beson-
derheiten des Berichtes des Appian nicht hin. Diese an Einzelheiten,
die durchaus glaubwürdig sind, so reiche Darstellung stammt aus einer
sehr wohl unterrichteten älteren Quelle, die aller Wahrscheinlichkeit
nach unter den griechischen Schriftstellern zu suchen ist. Man könnte
an Poseidonios denken, darf aber mit grosser Wahrscheinlichkeit allge-
meiner die ethnographische Forschung, die er und andere seiner
Zeitgenossen betrieben haben, als den Anlass bezeichnen, der zur Auf-
zeichnung dieser im letzten Ende vielleicht von Griechen aus Lissa oder
anderswo im adriatischen Meere bezogenen Darstellung geführt hat. Die
ethnographischen Studien, in denen eine mildere Auffassung des Barbaren-
thums auch sonst zu erkennen ist, sind ja zweifellos auch der älteren
Geschichte der Völker Nord- und Mitteleuropas zugute gekommen.

Alter sei dem wie immer, der Wert dieser Darstellung liegt in ihr
selbst. Sie ergänzt und vervollständigt in einigen Punkten die amtliche
bei Polybios und den römischen Annalisten verzeichnete Erzählung.
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