Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

Seite: 144
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Dass die Issaeer eine Gesandtschaft nach Rom geschickt haben, dass
deren Abgeordnete mit den Römern gemeinsam zu Agron fuhren, dass
der Issaeer Kleemporos getödtet wurde, dass Teuta nach dem Yerrath
des Demetrios und ihren Misserfolgen im Felde zum Frieden bereit war
und nach Rom Gesandte schickte, wird man im Ernste nicht bezweifeln
können, obwohl bei Polybios nichts davon steht. Keine dieser Angaben
ist mit den seinigen im Widerspruch, alle tragen die Gewähr guter
Beglaubigung in sich.12)

Mir scheint aber auch trotz Polybios' und der Annalen ganz be-
stimmter Behauptung, wonach der jüngere Coruneanier seiner freimüthigen
Äusserung wegen im Auftrage der Teuta ermordet worden sein soll,
die Darstellung Appians die richtige, wonach der Mord der Gesandten
auf ihrer Fahrt zu Agron durch einen Überfall stattfand. Der römische
Gesandte, meist ein junger Mann131, der als Culturmensch und Anwalt
der römischen Civilisation unerschrocken den Barbarenfürsten gegen-
iibertritt und ein Opfer seiner Kühnheit wird, ist eine häufig begegnende
Gestalt in den römischen Gesandtsehaftsberichten.

Beispiele, dass Gesandte in Ausübung ihrer Pflicht getödtet werden,
sind überaus zahlreich, und nicht minder häufig sind die Fälle, in denen
römische Gesandte als Vertreter der Ordnung und des Völkerrechtes vor
Barbarenfürsten erscheinen. Das Andenken solcher, die als Gesandte
caede atque ferro oder iniuria caesi gefallen waren, wurde durch die
Errichtung eines von Staatswegen gesetzten Standbildes geehrt. Cicero
spricht darüber in der neunten Philippica und fordert hier eine freie
Anwendung dieser Sitte der Altvorderen; auch Plinius spricht von
solchen Ehrenstatuen (n. h. XXXIV 23, 24). Beide erwähnen den be-
rühmten, auch bei Livius (IV 17, 6) beschriebenen Mord römischer
Gesandten durch den Vejenterkönig Tolumnius aus der grauen Vor-
geschichte der römischen Republik als Beispiel.14) Livius bezieht sich
(IV 58, 6), da er wieder von der üblen Behandlung römischer Gesandter
durch die Vejenter zu melden hat, noch einmal auf dieses Beispiel

12) Dafür, dass auch spätere Berichterstatter über diese Vorgänge noch zuver-
lässige Einzelheiten über Polybios hinaus zu bieten vermochten, führe ich als Beweis
fr. 50 des Dio Cassius an, der den Namen der leiblichen Mutter des Pinnes, der
Triteuta, nennt.

13) Z. B. der junge Marcus Aemilius Lepidus vor König Philipp (Polyb. XVI 13),
dessen Auftreten ich selbstverständlich damit nicht in Zweifel ziehen will.

u) Plinius kennt die Statuen des Publius Junius uud Tiberius Coruncanius.
die er als Opfer der Königin Teuta an dieser Stelle gleichfalls namhaft macht, nicht
aus eigener Anschauung; wie denn auch Cicero (a. a. 0. IX 4) nur von den Statuen
der vier von dem Vejenterkönig Tolumnius getödteten Gesandten sagt, dass sie 'usque
ad meam memoriam'in rostris steterunt:'.
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