Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

Seite: 157
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der historisch vermittelten Erfahrung- haben, class es sich empfehle, in
einem solchen Falle praktische Rücksichten zum Wohle des Ganzen
walten zu lassen. Und wenn sich gerade in der Politie der Athener ein
solcher Fall findet, in dem Parteiungen mit durch solche billige
Rücksichtnahme überwunden wurden, so werden wir annehmen dürfen,
dass dieser Fall dein Aristoteles bei der Darleg-ung- seiner Meinung in
der Politik vorgeschwebt habe. Wirklich berichtet nun Aristoteles in
der Politie von dem Friedensvertrag, der zwischen der Yolkspartei im
Piräeus und der Stadtpartei nach dem Sturz der Dreissig geschlossen
wurde, in welchem die Bestimmung- getroffen war, dass jeder Theil
seine Schulden für sich zu bezahlen habe. Nach Abschluss des Vertrages
waren aber die Häupter der Volkspartei und vor allem Archmos bemüht,
jedes Misstrauen der Adelspartei zu zerstreuen. Zu den Mitteln, die
Archinos anwandte, um die völlige Versöhnung zu bewirken, zählt
Aristoteles auch, dass die herrschende Partei über die Bestimmungen
der Verträge hinausgegangen sei und der Gesammtstaat es übernommen
habe, auch die von den Dreissig bei den Lacedaemoniern gemachten
Schulden zu bezahlen.11) Aristoteles preist das als einen Act grösster
Mässigung-, der dem Staate zum Heile gereichte.

Dass die Frage der Staatsidentität bei wechselnder Verfassung-
und sogar in Monarchien bei wechselnden Monarchen im Hinblick auf
ihre praktischen Folgen im Alterthum oft zu Schwierigkeiten geführt
hat oder missbraucht wurde, kann als sicher angenommen werden.
Wissen wir doch von einem analogen Falle aus späterer Zeit, von dem
Polybius berichtet. Dieser erzählt nämlich, dass Orophernes ein Depo-
situm bei den Prienern gehabt habe, welches nach dessen Sturz
Ariarathes mit der Begründung zurückverlangt habe, dass das betreffende
Geld dem König gehöre12), während es die Priener verweigerten, weil der
Deponent nicht Ariarathes, sondern Orophernes gewesen sei. Hieher ist
wohl auch die Geschichte, die wir bei Herodot13) lesen, zu ziehen,
wonach die Athener dem Leotychides die Rückstellung der Geiseln
mit der Motivierung verweigerten, dass sie dieselben als anvertrautes
Pfand von den zwei spartanischen Königen empfangen hätten und sie
daher einem nicht zurückstellen könnten. Es wird in diesen Fällen
dieselbe Frage der Staatsidentität aufgeworfen, nur dass sich, da es
Monarchien gilt, hier diese Frage mit der der Identität von Staat und
Monarch verquickt.

») koI. 5A#. XL 3.

12) Polyb. 6 (12) H. (ic/.-Ckslv.z sivw. tot ypr^aia.
15j Herod. VI 86.
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