Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

Seite: 160
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sich diese weder in der Überlieferung noch in der Notwendigkeit des
Causa^usammenhanges begründete Betonung des rein politischen Momen-
tes irgendwie aus den allgemeinen Anschauungen des Philosophen er-
klären'? Kaum ist jemals mit grösserer Schärfe, gleichsam vorahnend
gegen eine der modernsten Hypothesen schon im Alterthum der Kampf
geführt worden, als von Aristoteles gegen die sogenannte materialistische
Geschichtsauffassung, als deren Begründer Karl Marx gilt. Gegen
die Zurückführung jedes historischen Geschehnisses und jeder
politischen Veränderung auf wirtschaftliche Ursachen hat Aristoteles
in der Politik wiederholt den schärfsten Einspruch erhoben. Nicht bloss
die Absicht, sich eine bessere Lebensstellung zu verschaffen, also die
wirtschaftliche Tendenz, mit dem Philosophen selbst zu reden, das
xspSo? ist ihm der treibende Factor, der politisch gestaltungsfähig wirkt.
In wenig geringerem Grade hängt nach ihm der AYunsch nach politi-
schen Veränderungen und damit deren Verwirklichung auch an der
T'jr/p so dass auch alle moralischen Eigenschaften der Menschen, vom
verwerflichsten Ehrgeiz bis zur berechtigten Geltendmachung idealer
Interessen in Betracht zu ziehen sind.18) Freilich verstellt er unter zi\):q
die politischen Bechte oder das Streben, sie zu erlangen, aber nicht weil
und insofern sie eine wirtschaftlich bessere Stellung sichern oder vor-
bereiten, sondern insoferne sie den persönlichen Ehrgeiz befriedigen und
das Gefühl der Zurückgesetztheit beseitigen. Hunger nicht allein, sondern
auch der Trieb, die Persönlichkeit und die individuelle Freiheit durch-
zusetzen, erhalten ihm das Weltgetriebe. So begreift es sich, dass der
Philosoph, der das Wort ausgesprochen hat, welches man als Motto
jeder Polemik gegen die materialistische Geschichtsauffassung vorsetzen
könnte: topavvoöat er/ iva p] pifoiai19) auch im Bückblick auf jenen
ältesten Aufstand der bedrückten Classen in Attika nicht die wirt-
schaftliche Nothlage allein als Grund der Unzufriedenheit hat ansehen
können, sondern die politische Rechtlosigkeit in den Worten ooSevog
Y<xp cog e'wcelv srj-p/avov [xeTs/ovis? besonders hervorhob.

So knüpfen sich denn die mannigfachsten Gedankenfäden zwischen
der Politik und der Politie, wie es ja wirklich kaum anders möglich
ist. Wir können überzeugt sein, dass jeder antike Leser der Politie,
der mit den Staatstheorien des Aristoteles vertraut war, die ihm

I8j Pol. V 2 p. 1302 a 32 u. 38; i. 67, p. 1308 b 38, (. . . tote o a^öxspa
XotteT to ts tluv t'.[j.(Lv p.Yj [ASTEys'.v y.ai tö twv v.spocüv mit Beziehung auf den Erwerb
der aus den Amtern gezogen wird, wenn diese nicht allen zugänglich sind; ferner
II 4 p. 1266 b 38 . . . stc gxo.vmQougi.v ob jj.dvov Sidc tt]V avisoT^Ta r?]? y.TYjasa»;, ftXXd
v.a\ oca tt(v toijuLv.

19) Pol II 4 p. 1267 a 14.
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