Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

Seite: 164
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in der That mit Wahrscheinlichkeit ein Stoff aus dem Kreise der
Posse oder des Satyrspiels.

Die komische Kühne, so folgert Mayer, besass nur eine Megaere
der Art wie die dargestellte, die kinderraubende Lamia; für diese
spreche der negerähnliche Typus und die Palme, Avas nach Libyen,
ihrer sagenhaften Heimat, weise und die Anwesenheit der Satyrn.
Unter dem Jubel des Demos sei die wüste Unholdin herumgehetzt
und eingefangen worden und erhalte nun ihre Prügel als Lohn für die
begangenen Unthaten.

Dies wäre ein Motiv, das sehr wohl in einer Komödie gestanden
haben kann, das aber eines Anhaltes in unserer Überlieferung ermangelt.
Dafür mag man den trümmerhaften Zustand, in dem wir die Komödie
besitzen, verantwortlich machen. Betritt man aber schon den schlüpfrigen
Weg, der Erklärung von Denkmälern frei erfundene Motive unterzulegen
anstatt sie unter Heranziehung monumentaler und schriftlicher Über-
lieferungen so weit als möglich aus sich selbst zu deuten, so muss zum
mindesten verlangt werden, dass das vermuthete Motiv die thatsächlich
gegebene Situation vollständig decke. Und dies ist hier sicher nicht
der Fall.

Mayers Deutungsversuch scheitert vor allem an der Figur, die im
Mittelpunkt der Handlung steht. Das ist eine nackte hässliche Alte,
deren Gesichtszüge unter den Qualen der Folter, namentlich durch das
Herausziehen der Zunge, gräulich verzerrt sind; nichts aber deutet
darauf hin, dass man es mit mit einem jener blutrünstigen Gespenster
Avie Lamia zu thun habe. Wie der Volksglaube solche Dämonen sich
vorstellte, Avissen wir aus den Anrufungen der Zauberbücher, Avelche
durchaus nicht nur die Anschauungen einer späten Epoche Avieder-
spiegeln. Wie viel vom alten Bestände echten Volksglaubens sich in sie
herübergerettet hat, lernen wir täglich besser Avürdigen; vollends daran,
dass der Dämonenglaube in seinen ursprünglichen und Avüstesten Formen
in der niederen Religion zu allen Epochen ohne Avesentliche Veränderungen
Aveiter lebte, dass die Dämonen der gnostischen Gemmen und die
darauf bezüglichen Weisungen der Papyri mit den Schreckgestalten der
Inselsteine durch eine jahrtausendlange ununterbrochene Glaubensüber-
lieferung verknüpft sind, daran ist nicht mehr zu ZAveifeln. Da sehen wir,
Avie sich die Phantasie in der Ausmalung solcher Gespenstenvesen, die
in scheusslichen Thiergestalten, drachenzähnig, schlangenhaarig, feuer-
schnaubend, den Menschen allenvegs bedräuen, nicht genug thun kann.
Wo die Posse solche Gestalten venvendete, hat sie es an einer ent-
sprechenden Ausstaffierung sicher nicht fehlen lassen; dass sie dieselben
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