Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

Seite: 165
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in den Kreis des rein Menschlichen herabgezogen hätte, dafür gibt es
keinen Anhaltspunkt.

Der darstellenden Kunst freilich sind in der Wiedergabe des
Grauenhaften engere Grenzen gezogen und ihrer bleibenden Wirkungen
halber tönt sie allen Überschwang' auf ein Maass des Erträglichen ab;
nie aber geht sie in der Anwendung ihrer eigensten Vortragsformen bis
zur Undeutlichkcit. Das beweisen die verwandten anderen Dämonen,
wie Keren, Harpyien, Sirenen u. a., die selbst in ihren idealisierten Typen
irgend einer Andeutung ihrer dämonischen Natur durch thierische
Gliedmassen oder Attribute nie entbehren. Einen Fall, wo ein solcher
schlechthin anthropoid aufträte, kenne ich nicht. Wenn Mayer gar ein
Yasenbild, dessen Deutung auf Lamia keineswegs gesichert ist (Archäolog.
Zeitung 1885, Taf. VII, 2), mit dem Verse des Horaz ars poet. 340
in Zusammenhang bringt, so gestehe ich, dafür eine Berechtigung zu
vermissen.

Mit der Hauptfigur fällt dann alles andere, was für eine Lamia-
scene angeführt wird. Den Baum zu Libyen, ihrer angeblichen Heimat,
in Beziehung zu setzen, hindert die Erwägung, dass es dem Maler gar
nicht auf die specielle Gestalt einer Palme, sondern auf einen Bicht-
pflock ankam, und dass die flüchtigen Spitzblätter, mit denen er ihn
ausstattete, von der gewöhnlichen Form der Palme abweichen. Man
braucht hinter solch Nebensächlichem nicht immer Tiefsinniges zu
wittern. Was der Satyrnchor gerade für Lamia soll, dafür ist Mayer
den Xachweis schuldig geblieben.

Nun kann man ja sagen, es brauche sich nicht um einen Dümon>
sondern um irgend eine Hexe zu handeln, die nach gebrochenem
Zauber — wir kennen solche Geschichten aus Apuleius und Lukian
(Weinhold, Sitzungsberichte d. preuss. Akad. XXIX (1893) p. 475 ff.) —
nackt dastehe und ihre sehliesslichen Hiebe bekomme. Das hiesse aber
mit dem Rathen von vorne beginnen, und das sonderbare Strafgericht,
das an der Alten vollzogen wird, würde damit um nichts verständlicher.
Denn, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Strafscene handelt, zeigt
die raffinierte Art, in der die beiden Satyrn mit Fackel und Zange der
Alten zusetzen. Eben in dieser Eigenthümlichkeit der Züchtigung liegt der
Schwerpunkt der Darstellung, von dem die Erklärung ausgehen muss,
nicht in der Person, an der es vollzogen wird. Wenn irgend etwas, so
beweist dieses Eingehen in ein so ausgesuchtes Detail, dass es dem Maler
nicht um Wiedergabe eines schlechthin burlesken Motivs zu thun war,
sondern dass er in den für eine ganz bestimmte Situation üblichen
Typenvorrath griff, um dieselbe dem Beschauer unmittelbar verständlich
zu machen. Hält man in der literarischen Überlieferung nach solchen
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