Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

Seite: 178
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ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts schliessen, möglicherweise ist es
auch noch etwas älter.

Den oberen Rand bildet eine ungleichmässig breite Leiste (19 bis
25 cm breit), die die Inschrift (vermuthlieh des Weihenden) trägt und
von der aus der Reliefgrund sich muldenartig nach abwärts vertieft.
In einer besonderen fast kreisförmigen Höhlung, die in die Randleiste
übergreift, ist der Kopf des Mithras eingebettet. Er ist im stärksten
Hochrelief, beinahe als Rundwerk herausgearbeitet, so dass er nur in
einem schmalen Streifen längs des Nackens und Hinterkopfes mit dem
Reliefgrunde zusammenhängt. Seine Maasse sind, den übrigen Verhält-
nissen entsprechend, colossal. Von der Mützenspitze bis zur Bruchstelle
am Halse misst er 0*58 m, die Gesichtslänge beträgt 0*37 m, die Breite
von Ohr zu Ohr 0-28 m, die Längsachse des Schädels (mit Reliefgrund)
0*50 m. Zerstört ist, von kleineren Verletzungen abgesehen, die Nase
und der Kamm der phrygischen Mütze. Hals und Gesicht sind von etwas
gedunsenen Formen, die Lippen geöffnet, die Augen, mit eingegrabenen
Pupillen, der Wendung- des ganzen Hauptes folgend, aufwärts nach rechts
gerichtet. Die das Gesicht umrahmenden Locken und die aufgeschlagenen
Laschen der Mütze sind mit einer gewissen Zierlichkeit behandelt. Eine
Merkwürdigkeit an dem Kopfe bilden vier in gleichmässigen Abständen
über dem Mützenrande eingebohrte quadratische Löcher (0'02 m tief»
0*01 m breit), in die jedenfalls Strahlen von vergoldeter Bronze
eingelassen waren.

Prof. Cumont bemerkt, dass diese Strahlen ein Novum seien, das
bisher noch an keinem Mithraskopfe eines Cultbildes beobachtet wurde,
während es bekanntlich an dem Haupte des Helios und an Mithras-
darstellungen des Orients nicht selten ist (vergleiche L. Stephani „Nimbus
und Strahlenkranz" S. 25). Cumont kennt ausser einem geschnittenen
Steine („textes et mon.", Fig. 393), auf dem Mithras strahlenbekränzt
ist. nur zwei Beispiele, wo je eine leer aufgehängte phrygische
Mütze von Strahlen umgeben ist („textes et mon." n. 83m; 251 e). Er
meint, dieser Zusatz bestätige die sonstigen Anzeichen (vgl. Westd.
Zeitschr. XIII S. 91), dass die Mysterienpriester dem Stieropfer neben
seiner wahren Bedeutung auch eine astronomische Auslegung zutheilten.

Hier mag gleich eine weitere Besonderheit unseres Reliefs Erwäh-
nung finden, deren Entdeckung C. Tragau verdankt wird. Zieht man
von dem äussersten Rande der Locken des Mithraskopfes beiderseits
eine Tangente senkrecht nach aufwärts, so trifft sie nahe dem oberen
Rande der Inschriftleiste je auf einen in dem Steine steckenden Eisen-
stift. Nägel findet man schon bisweilen an griechischen Grabstelen ein-
geschlagen, wo sie zum Aufhängen frischer Kränze dienten. Im vor-
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