Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

Seite: 179
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liegenden Falle, meinte Tragau, hätte man die Stifte verwendet, ein
velum über dem Haupte des Gottes aufzuhängen; Cumont billigt diese
Vermutkung und verweist als Beleg hiefür auf textes et mon., inscr. 51
(CIL VI, 746):

nvela domini insienia habentes.u

Rechts von der den Kopf bergenden Höhlung erhebt sieh der
Rest eines Gewandes in schönen Falten bis zur Randleiste hinauf. Es
ist ein Theil der Chlamys des Gottes, die hier rechts und links von
seinem Haupte emporflog. Auch das ist eine Ausnahme, da auf den
sonst bekannten Darstellungen die Chlamys nur über der rechten Schulter
und dem Rücken wallt.

Sonderbar eigenartig erscheint die Darstellung der Lima, die das
Relief in der rechten Ecke oben abschliesst. In zierlicher Bildung nach
rechts gewendet, das geneigte Haupt mit zurüekgebundenem Haare aber
nach links gegen den Gott gedreht, erhebt sie sich, nackt bis unter
die Brüste, aus einer Art Kelch. Er umgibt sie nach aufwärts in weitem
Bogen und verliert sich von da nach rechts abwärts in unverminderter
Breite, wie ein mächtiges Rohr. Der Sinn dieser Erfindung ist nicht
klar. Der Gedanke an die Mondscheibe ist wohl auszuschliessen; näher
läge, darin einen unverstandenen Nachklang jenes schönen griechischen
Motivs des fünften Jahrhunderts zu erblicken, das Selene von ihrem
Obero-ewande im Bo<ren umflattert zeigt. — Abgeschlagen ist an unserer
Figur die Nase und die rechte Brust.

Unterhalb der Lima, an ihre Hülle gelehnt, steht Cautes, in der
Rechten die bocherhobene Fackel. Er ist erhalten bis etwa zur Bein-
theilung, der Unterkörper ist mit der unteren rechten Platte verloren.
Das Gesicht und die linke Hand sind zerstört. Wie gewöhnlich trägt
die Figur eine faltige, aber kurzärmelige Tunica, die um die Hüften
von einem Gürtel umschlossen ist, der durch einen tiefreichenden Über-
fall dem Blicke entzogen wird. Den Rücken bedeckt der Mantel, das lang-
lockige Haupt die phrygische Mütze. In der Linken hält die Gestalt
zwei Attribute: ein knorriges Pedum und einen grossen Strauss von
Ähren und Früchten. Das erstere tritt bei Cautes auch sonst bis-
weilen auf (Cumont 1. c. n. 176 Fig. 158; n. 131 Fig. 110; Westdeutsche
Zeitschr. XIII S. 92). Es deutet auf eine Verschmelzung des Cautes mit
Attis, die ja nahe lag. Auch Ähren hält Cautes öfter ( vergleiche z. B. unsere
Fig. D 1 S. 196). Manchmal fasst Cautes oder Cautopates den in Ähren
ausgehenden Schweif des Stieres, wie wenn er sie von diesem pflückte.

Abgesondert von unserer Platte, aber zweifellos zu ihr gehörig,
wTcil in der Bruchlinie anpassend, fand sich noch der Kopf des Stieres.
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