Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 18.1895

Seite: 207
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1895/0217
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
207

vermuthen, doch widerspricht dem die Grossartigkeit der mit Einsteig-
eöffnungen versehenen Canäle, die einer Trockenlegung- nicht gut gerecht
werden. Die ganze Bodenform und Beschaffenheit spricht vielmehr für
eine unterirdische Wasserleitung. Ihr Beginn ist an einer tieferen Stelle
des flach abfallenden Höhenzuges zu suchen, und in der That finden
sich auch dort mehrere Quellen vor, deren Bildung durch eine auf
Tegel liegende gleichmässig verlaufende Schichte von Belvedereschotter
überall begünstigt wird.

Die Canäle mit grossem Querprofile dienten vorwiegend als Sam-
melstollen. Ihre, Wände lassen reichlich Wasser durch, und erst vom
Punkte VI an beginnt die eigentliche Weiterleitung des gesammelten
Wassers. Es ist dadurch das verschieden grosse Gefälle erklärlich,
ebenso wie die Bestimmung des oben erwähnten aus der Mauerflucht
herausragenden Steines, der ganz gut zur Anbringung einer vielleicht
regulierbaren Absperr- oder Stauvorrichtung gedient haben konnte. Auch
der andere Canalzweig mag eine ähnliche Vorrichtung gehabt haben,
die aber durch die Umänderung verloren gegangen sein kann.

Wohin der Canal führte und welchen Theil von Carnuntum er mit
Wasser versorgte, ist seiner verhältnismässig tiefen Lage wegen schwer
zu bestimmen. Es kann vielleicht das Lager oder eher noch ein Theil
der Besiedlung um dasselbe, etwa der, wo Militärbäder aufgedeckt
wurden, in Betracht kommen. Bei der ersteren Annahme wären wohl
Schöpfwerke zur Hebung des Wassers nothwendig geworden, indem das
Lager um ein Geringes höher liegt als diese Leitung.

Zu bemerken bleibt ferner, dass bei der Stelle VII der Ansatz
einer Abzweigung nach Norden führt) S. 205), die aber abgemauert
ist und vielleicht nur projectiert war.

Auch an anderen Orten von Carnuntum finden sich jetzt noch,
funetionierende römische Wasserleitungen vor, zumeist mit vortrefflichem
Trinkwasser, die später besprochen werden sollen.

JOSEF DELL.
loading ...