Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

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haltend. Typus II (31) bietet die „Amme'', auf einem Lehnsessel
thronend und das nackte Kind säugend, rechts und links von zwei
stehenden Gestalten umgeben, von denen wenigstens die eine zu ihr in
keine irgendwie geartete Beziehung gesetzt ist. 32 unterscheidet sich
von 31 jedesfalls dadurch, dass die Thronende ihr Kind, in diesem
Falle ein Wickelkind, nicht an die Brust gelegt hat, dass die Gestalt
links in lebhafter Bewegung mit einer Opferkanne auf sie zuschreitet
und mit der Linken eine Gabe darbietet. Zwischen beiden steht ein
viereckiger Altar. Ob rechts eine dritte Figur hinzu zu ergänzen sei
oder nicht, mussten wir unentschieden lassen.

Dem sei nun, wie ihm wolle — auf allen Darstellungen, die uns
eine klare Anschauung der Composition gewähren, bildet die „Mutter mit
dem Kinde'' stets den räumlichen oder geistigen Mittelpunkt. Sie gibt
sich auf den ersten Blick als die wahre Nutrix, die KoopoTpotpog, die
mütterliche Ernährerin und Pflegerin zu erkennen. Aber auch die anderen
müssen Nutrices sein: dies zeigt die regelmässige Wiederkehr des
Plurals in der AVeiheformel, dann dass die Weihenden, soweit sich
erkennen lässt, stets Männer sind,0) auf den Reliefdarstellungen aber
nur weibliche Gestalten erscheinen. Dagegen kann nicht ins Gewicht
fallen, dass die stehenden Figuren bedeutend kleiner gebildet sind, als
die sitzende, dass besonders die Korbträgerin zuweilen geradezu zwerg-
haft erscheint. Denn das ist durch den Zwang des Baumes bedingt,
dem die Verfertiger dieser kunstlosen Monumente hilflos erlagen.
Übrigens ist die zuletzt genannte deutlich als Xutrix, als Ernährerin,
charakterisiert durch den Inhalt ihres Korbes, der, wo er zu erkennen
ist, aus Früchten oder Brotlaiben besteht. In idealerer Beziehung zu
der Mutter mit dem Kinde steht die in Typus I in der Mitte, in
Typus II (oder III: 32, vgl. 35) an der linken Seite erscheinende Ge-
stalt ; sie reicht dem Kinde entweder eine Spende dar oder vollzieht
eine Opferhandlung,7) an der sich einmal (Fig. 4) die Korbträgerin
durch Herbeibringen des Räucheraltars betheiligt, oder wendet sich
spielend oder schmeichelnd dem Kinde zu, an seiner Pflege theilnehmend.
Auf 31 (Typus II) ist die dritte Gestalt, die hier an den rechten Band
gerückt ist, durch das namentlich in römischer Kunst gebräuchliche
Attribut der Muschel geradezu als Nymphe bezeichnet. Conze, dem die
Nutricessteine noch nicht bekannt sein konnten, hielt daher das Ganze
für eine Weihung an die Nymphen, wies aber zugleich mit wenig

°) Demi in der Inschrift n. 5314 kann ebensogut [p]ater als [m]atcr, wie
Müiunisen vorschlagt, ergänzt werden.

7) Statt dos Apfels, der zur Opferkanne (praefericulum) nicht recht passt, wird
die Gestalt auf 32 in der Linken wohl eine patera gehalten haben.
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