Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

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Worten auf die bekannte Eigenschaft dieser göttlichen Wesen als Kinder-
ernährerinnen hin.

Der Dienst und die Darstellungen der Nutrices waren bis vor
kurzem so selten, dass Mommsen anfangs an der Richtigkeit der Lesung
von n. 5314 zweifelte und für das überlieferte Nutrici: [Fortunae adi]utrici
vorschlug. Freilich hatte er schon damals auf die stadtrömische Inschrift
CIL VI n. 74 = Wilmanns Exempl. n. 2642 hingewiesen, die eine Weihung
an eine bona dea Nutrix d(omus) d(ivinae) (so Mommsen zu CIL VIII n. 8245)
von einem kaiserlichen Sclaven, seiner Frau und seiner Tochter enthält,
jedoch den Vergleich abgelehnt. Da entdeckte A. Heron de Villefosse 1873
in Algier bei Ain-Azis-bu-Tellis8) drei Weihungen an die Nutrix Augusta:
die erste (n. 8245) bezieht sich auf die Gründung eines Tempels für die
genannte Göttin durch einen Priester des Saturnus, die beiden anderen
enthalten genaue Aufzählungen von Opfern für acht Götter, ebenfalls
von Priestern des Saturnus aufgezeichnet. Die Überschrift bilden die
Buchstaben D ■ B • S, die im Corpus zweifelnd mit d(is) b(onis) s(acrum)
aufgelöst wird. In den Verzeichnissen nimmt Saturnus die erste Stelle ein,
an zweiter erscheint n. 8246 die Nutrix mit dem Opfer eines jungen
Schafes (ovicula), an vierter Tellus mit dem gleichen Opfcrthiere, n. 8247
haben diese beiden Göttinen ihren Platz getauscht: Tellus erscheint an
der 2., Nutrix an der 4. Stelle. Daher hat Heron de Villefosse unter
Zustimmung Mommsens die Nutrix als eine der Tellus naheverwandte
Gottheit gefasst. Noch eine vierte Weihung hat die Provinz Numidien
geliefert, einen sechsseitigen Altar von 65 cm Höhe und 14 cm Breite,
der 1876 zwischen dem Lager und der Civilansiedlung von Lambaesis
gefunden wurde.9) In der Nähe des Fundortes dieser Ära hat der Be-
sitzer des Grundstückes später eine L80m hohe weibliche Marmorstatuc
entdeckt, die er dem Museum in Lambaesis schenkte. R. Cagnat hat sie
veröffentlicht und ihr durch scharfsinnige Combination mit der Altar-
inschrift den einzig richtigen Namen gegeben, indem er sie als eine
dea Nutrix bezeichnet.10) Durch das gütige Entgegenkommen des Herrn
Cagnat ist es mir möglich, auch von dieser Statue eine Abbildung vor-
zulegen (Fig. 6). Die Statue zeigt uns eine stehende Frau in voller
römischer Kleidung, ihr Haar ist mit Weintrauben und Weinlaub ge-

B) Eapport sur une mission archdologique en Algerie 1874 S. 60 ff. = archives
des missions II (1375) S. 438 ff. = CIL VIII n. 8245—8247 zwischen Milou und
Cuicul im alten Numidien.

9) Heron de Villefosse Eev. arch<5ol. 1876 II S. 127 = CIL VIII n. 2064:
Nutrici j deae \ Aug(ustae) | sacr(um).

10) Description de l'Afrique du Nord. Muse'es et collections archöologiques de
VAlgerie et de la Tunisie. Musee de Lauibese par E. Cagnat Paris 1895 Taf. III
2 S. 27 f., 45 f.
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