Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

Seite: 66
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weiter voneinander divergieren. Die Voluten sind noch sehr flach ge-
halten und liegen wie das ganze Ornament in der Oberfläche des Stelen-
schaftes. Zwei Canäle weiten sich von dem Berührungspunkte der beiden
Voluten nach unten in massvollem Schwung aus bis zu den Rändern
hin und sind dort wieder um je eine kleine Spirale herumgelegt, die
direct auf den Randleisten aufsitzt. So wird die Bekrönung der Stele
in unmittelbare Verbindung mit dem Schafte gesetzt, ohne dass, wie
sonst üblich, ein Bandstreifen oder ein ähnlich wirkendes Glied die
beiden Theile voneinander scheidet. Bei genauerem Zusehen merkt man,
dass die Ränder des Ornamentes ausgeschnitten sind (vgl. Brückner,
Ornament und Form der attischen Grabstelen S. 7); schön muss dies
in dem oberen Abschluss hervorgetreten sein, für den man noch zwei
einwärts gewundene Voluten und einen überragenden Palmettenfächer
anzusetzen hat; s. die Wiederherstellung Professor Niemann's S. 65. Die
Übereinanderstellung zweier Voluten ist nichts Ungewöhnliches bei alter-
thümlichen Stelen und Akroterien; man vergleiche das Giebel-Akroter
des Athenatempels in Aigina, eine stilverwandte, aber weniger elegante
Stele aus Thymbra (in Umrissen gezeichnet athen. Mitth. XX S. 3),

das Grabmal des Antiphanes (Brückner Taf. II). Was aber der neuen
Stele einen eigenthümlichen Reiz sichert, das ist die Besonderheit, dass
die palmettentragenden Voluten der ganzen Anlage nach nicht, wie es
regelmässig und auch in der Natur der Sache begründet ist, nach
aussen, sondern nach einwärts gedreht gewesen sein müssen; vgl. hier-
über A. Riegl, Stilfragen 913) und 161. Ich weiss als passende Analogie

3) "Hier will ich nur vorausschicken, dass gerade dasjenige Motiv, das in der
assyrischen Palmette völlig neu zu sein scheint, der nach aufwärts eingerollte obere
Volutenkelch, bereits in der egyptischen Pflanzenornamentik seine Vorbilder gehabt hat.
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